Montag, 4. August 2014
Die Neue Welt
Von Leinad T. Sieht
© 2013


„Für eines Mannes Handeln ist das eigene Ich ein dürftiger Anhaltspunkt.“

(Francis Bacon)

Prolog

Mos war der Macher und seit langem verschwunden.
Niemand konnte sagen wo er war und warum er so plötzlich verschwand. Kein Mensch fragte nach ihm oder wollte wissen, wie es um sein Wohlbefinden bestellt war. Seine Habseligkeiten lagen ganz unberührt an der Stelle, an der sie immer gelegen hatten; an einem Tag, der wie jeder andere war. Ich suchte ihn so gut es ging, was schwer war, seit er fehlte.
Doch die Welt drehte sich weiter, wie sie es schon immer getan hatte. Die Aufregung ließ nach, so wie auch die Erinnerung verblasste. Denn an Tagen, die wie alle anderen daherkommen, verblassen Erinnerungen schnell.
Und als die letzte kleine Idee an Mos erlosch, hörte die Welt auf, sich zu drehen.
An diesem Tag, der nun die Unendlichkeit war, begann und endet meine Reise. Jetzt, in diesem Moment, findet sie statt. So, wie sie schon immer stattgefunden hat.
Und obwohl ich keine Hoffnung in mir spüre, so habe ich statt ihrer doch Zeit.
Ohne Mos ist es schwer etwas zu tun.
Dennoch suche ich ihn auf dieser Reise, so gut ich nur kann…

Der Schwarze Fluss

Am Tag, der vor langer Zeit begann, stehe ich am Schwarzen Fluss und schaue auf die Ruinen, die man vor noch längerer Zeit an seinem Ufer errichtet hat. Sie sind gebaut aus Ideen von früher. Damals liefen hier Seufzer vom Stapel und überquerten den Strom. Aber das war in der alten Zeit. Wenn der dunkle Rauch über dem Wasser hängt, so wie jetzt, kann man sie hören; schwer stöhnen sie aus der Tiefe empor, an diesem niemals endenden Novembertag. Der Himmel besteht aus schmutziger Watte und hängt tief. Ich fasse ihn an: Feucht, kalt und synthetisch; die Neue Welt.
Manchmal erzählt mir mein Altes Ich von früher: Als wir auf dem Dach unseres Hauses gesessen und den Himmel und die Wolken betrachtet haben. Blau und weit sei er gewesen. Lebendige Wolken mit Bildern darin. Fantasie, hergestellt in den Dunklen Fabriken, weit weg von hier. Altes Ich sagt, wir hätten es geliebt, was soviel heißen soll wie, es zog uns an sich heran. Das war natürlich bevor Mos und alles andere verschwand.
Hier, in der neuen Welt, hängt der schmutzige Himmel dicht über einer farblosen Landschaft. Ohne Bilder darin.
Ich bin oft am Fluss. Er fließt unbewegt. Ich gehe lautlos hinunter an sein Ufer, wo ein Holzsteg in die Rauchschwaden über dem Wasser führt. Vielleicht bis zur anderen Seite.
Neben dem Steg liegt ein altes, verrostetes Wimmern. Es funktioniert noch ein bisschen und ich höre ihm zeitlos zu. Es singt das alte Lied. In der neuen Welt hört man nicht oft. Es ist eine leise Welt. Ich werde das Wimmern mitnehmen, damit ich ihm noch eine Weile lauschen kann.
Als ich den Steg betrete, gibt er weich unter meinen Füßen nach, die keine Geräusche machen. Sein modriges Holz riecht nach nasser Asche und schalem Bier. Es gedeiht auf den Resten derer, die keinen Sinn mehr sahen. Thekenholz, sagt Altes Ich dazu. Wenn ich nach unten schaue, will es meine Beine umschließen um mich am Weitergehen zu hindern, weil Weitergehen hier bei uns nicht erwünscht ist.
Ich weiß wie gefährlich der Schwarze Fluss sein kann. Der Lentor hat ihn mit verzweifelten Sachen aus der alten Zeit gefüllt. (Als der ewige Tag begann, trat er heraus aus den Verschlossenen Räumen, um die Dinge zu richten. Er brachte Ordnung, indem er verscharrte was alt war, was nicht zu ändern war, was anders war.)
Unter mir gluckst das Wasser nun spöttisch auf meine Kosten. Das faule Holz murmelt leise vor sich hin. Es sind die Stimmen der Ausweglosen. Thekenholz - es saugt am Sinn, bis ich sinnlos bin.
Noch ein paar lautlose Schritte, und ich erreiche den jetzt smaragdgrün schwelenden Rauch. Er bewegt sich langsam und bedrohlich und steht doch still. Dahinter liegt die andere Seite, wo Mos vielleicht ist. Das Holz, auf dem es sich läuft wie auf totem Fleisch, beginnt an meinem Innern zu saugen. Mein Herz leert sich, und ich sehne mich nach Altes Ich, damit er es füllt mit Geschichten von früher.
Die Hoffnungslosigkeit des Flusses kriecht an mir empor wie lautlos knarrende Seelen. Das Holz ist ihr Leiter. Es summt den Vers der Verzweiflung, und pflanzt ihn in mein fast schon leeres Herz, und ich fasse unwillkürlich nach dem leisen Wimmern in meiner Jackentasche und lasse es hinein. Nur noch Scham und Verzagen sagen mir zu.
Der Vers der Verzweiflung umklammert mich. Meine Herzklappen sind trockene Lippen, und begleitet vom rostigen Wimmern sagen sie ihn stimmlos auf:

Verzweifelte Sachen aus vergangener Zeit
Bringen Körper und Geist zum erstarren
Sie machen aus dir einen bitteren Narren
Dessen Lachen sich niemals mehr zeigt

Gedankenschleifen schleifen Gedanken. Der Vers lässt mich zittern. Ich gehe in die Hocke. Schweiß tritt aus, flüchtig wie Benzin, während das stinkende Holz mir stöhnend über die Oberschenkel wächst. Ich stütze mich mit den Händen am Boden ab und sofort tauchen sie ein in den Steg, in das Holz, das totes Fleisch sein muss. Geifernd kriecht es an mir hinauf und erreicht schon bald meinen Hals. Ein Schwall von Verwesung und kaltem Rauch umhüllt meinen Kopf wie eine tote Decke. Schreiender Schwindel überkommt mich, brutale Erkenntnisse, und ich kann durch die Spalten des Stegs das schwarze, faulende Wasser sehen, aus dem das Abscheuliche langsam zu mir aufsteigt.
Das Grauen ist groß doch ich weine nur still. Angstschweiß wird zum Gleitfilm zwischen mir und dem Holz, das mich jetzt fast verschlungen hat. Es umwächst meinen Hals, meinen Nacken, meinen Kopf, ächzt in meinen Ohren. Ich höre es klagen und barmen, als es in mich eindringt, im starren Prozess einer gleichgültigen Vergewaltigung.
Dann taumle ich – in geläufigem Scheitern - wie ein welkes Blatt Papier hinunter zum Grund der Verzweiflung, ein altes Lied auf den ohnmächtigen Lippen.

“If you could read my mind, love,
What a tale my thoughts could tell…”

Ich sinke zum Grund des Schwarzen Flusses. Dunkelheit umgibt mich wie eine Narkose. Es ist kalt, doch Thekenholz umhüllt und schützt mich vor Schmerz. Luftbläschen tanzen an meinen Ohren vorbei. Sie flüstern mir etwas zu, das ich nicht verstehen kann. Unter mir erscheint ein Licht. Aus dem Dunkel dahinter taucht ein kleines Backsteingebäude auf und ich lande davor.
„Lucky Liquor“ steht über dem Eingang in flackernder Leuchtschrift. Die Eingangstür ist einen Spalt geöffnet und ich trete ein. Vor mir erstreckt sich ein einfacher Schankraum. Duster und verrottet lässt er seine Wände im Dunkeln stehen. In der Mitte des Raums hängt eine Lampe von der Decke herab. Unter ihr ein Stuhl. Darauf sitzt eine Frau mit dem Rücken zu mir. Gleichmäßig wie ein Uhrwerk dreht sie ihren Kopf herum. Tumb treffen mich ihre Augen mit der Farbe getrockneten Bluts.
„Mörder“, sagt sie.


Die Verschlossenen Räume

Als ich erwache, liege ich auf kaltem Stein. Das abgewetzte rote Sofa ist das erste, was ich sehe, als ich meine Augen öffne. Es steht in den verschlossenen Räumen. Mein Altes Ich liegt darauf und schläft. Man kann ihn kaum noch sehen. Er hat schon keinen Namen mehr. Ich betrachte ihn durch einen trüben Schleier. Mit einem bitteren Lächeln liegt er da, sein Brustkorb hebt und senkt sich seicht. Er wirkt wie eine gefriergetrocknete Erinnerung, projiziert auf die schmutzige Leinwand eines längst geschlossenen Kinos. Gezeigt wird: „Frivole Erinnerungen - Was haben wir gelacht! “
Und auch wenn es nicht meine Erinnerungen sind (es sind seine) erfüllen sie mich doch mit Kraft. Altes Ich und ich sind noch immer verbunden.
Auch das Wimmern ist noch bei mir. Ich bemerke es in meiner Tasche. Es ist ein tapferes Wimmern und ich halte mich daran fest.
"Altes Ich", hauche ich, aber kein Wort verlässt meine Kehle. Nicht eine Silbe will über den feuchten Boden zum Sofa kriechen. Der Schwarze Fluss hat mich geleert.
"Er ist nun sehr schwach", sagt eine klanglos vertraute Stimme hinter mir.
Ich kenne diese Stimme. Sie wirkt beruhigend, aber entmutigend, gütig und einschüchternd zugleich, dennoch einstimmig und ohne Bedeutung. Sie wird getragen vom Segen der Gleichgültigkeit. Es ist die Stimme des Lentors.
"Wie geht es dir, mein Sohn?" Er läuft um mich herum, lautlos, aber ich kann es spüren. Dann sehe ich die graue Robe mit dem Symbol der Gleichheit am Saum, als er zwischen Altes Ich und mich tritt, um mir mit neugieriger Besorgnis ins Gesicht zu schauen.
"Es war leichtsinnig von dir, zu versuchen, allein auf die andere Seite zu gelangen", lächelt er. Sein Gesicht ist eine Maske, kalt und beliebig. Mit tauber Hand taste ich meinen Körper ab, denn er riecht noch immer nach Versagen und Verzweiflung, aber das Thekenholz ist verschwunden. Zurück bleibt schäbiger Jammer.
"Du hast ein altes Wimmern mitgebracht?"
Meine Finger legen sich schützend über das rostige kleine Ding. Es ist verboten, Dinge von außerhalb in die Verschlossenen Räume zu bringen.
Ich bin noch zu schwach um aufzustehen. Endlich schaffe ich es, dem Lentor ins Gesicht zu schauen. Sein Blick verweilt noch einen Augenblick bei der Tasche mit dem Wimmern, bevor er mich gütig von oben herab anlächelt.
„Was ist passiert?“, murmle ich.
„Du bist wieder da. Das ist alles.“
„Habt ihr mich hergebracht?“
„Viele Wege führen in die verschlossenen Räume, mein Junge. Die Verzweiflung des Flusses ist nur einer von ihnen.“
„Was ist mit ihm ?“, frage ich und schaue hinüber zum Sofa, zum einen aus Sorge um den, der ich früher einmal war, zum anderen um dem Lentor nicht länger in die Augen sehen zu müssen, weil ich seiner Warnungen zum Trotz versucht habe, allein den Schwarzen Fluss zu überqueren - und gescheitert bin.
„Du warst so gut wie leer. Er hat dir Geschichten von früher erzählt, als du geschlafen hast. Jetzt ist er fast nicht mehr da.“
„Das sehe ich!“, blaffe ich den Lentor mit Tränen in den Augen an, wütend, weil ich der Grund für diesen ungerechten Tausch bin. Voller Scham wende ich meinen Blick vom Schatten meiner selbst ab. Der Lentor lächelt weiter das Lentorenlächeln: gleichgültig erhaben, selbstgerecht und mitleidsvoll.
„Mein Junge“, er hält mir seine Hand entgegen um mir aufzuhelfen. „Du musst nun bald den nächsten Schritt machen. Es wird Zeit, deine Situation zu akzeptieren. Wahrscheinlich wirst du Mos nicht finden. Du musst dich jetzt bald von deinem Alten Ich trennen und alles hinter dir lassen. Nur so wirst du deinen Frieden finden.“
Frieden. Ich wiege das Wort in meinem Kopf wie einen Säugling, der mich gegen meinen Willen lächeln lässt. Dann treibe ich ihn ab.
„Frieden?“ klingt es höhnisch vom Sofa herüber.
Altes Ich ist aufgewacht. Obwohl er schon fast nicht mehr zu sehen ist, strahlt er ganz selbstverständlich das alte Gefühl aus, das hilft zu leben. Er lächelt mich an: „Hallo Henri.“
Ich setze mich langsam auf und lasse dabei die helfende Hand des Lentors außer Acht.
„Welchen Frieden meinst du, Lentor? Welcher Friede soll das sein?“, fragt Altes Ich mit überraschend kraftvoller Stimme. In ihr schwimmt Spott, in seinem Blick Verachtung, als er stolz und ohne Zweifel, fest den Blick des Lentors erwidert. Dessen Hand verweilt noch einen Augenblick reglos in der Luft vor meinem Gesicht und gleitet dann lautlos in die Tiefen der Robe zurück.
„Den Seelenfrieden“, entgegnet er, „die innere Ruhe. Du kannst es nennen wie du möchtest, mein durchsichtiger Freund.“
Altes Ich setzt sich auf und schaut mich an, als wolle er mir signalisieren, dass alles gut werden wird. Ich bin mir nicht sicher.
„Seelenfrieden? Innere Ruhe?“, beginnt er schmal grinsend, „Du meinst, das Nichtstun bis in alle Ewigkeit bringt uns Seelenfrieden, die innere Ruhe, ja? Nun, das wird es mit Sicherheit!“, schnaubt er. „Denn wir werden uns schlicht zu Tode langweilen wenn wir bis in alle Ewigkeit in diesem unerträglichen Stillstand verharren, den du „die innere Ruhe nennst“.
„Was ist falsch am Stillstand?“, erwidert der Lentor, „An der Ruhe? Ist es denn nicht gut, so wie es ist? Die neue Welt ist sicher. Der ewige Tag schließt jede Sorge an morgen aus. Es gibt kein Morgen, keine Pläne, kein Müssen.“
Bei seinen letzten Worten schaut er mich gütig an, um dann bei Altes Ich fortzufahren.
„Die alte Welt, deine Welt, ist voll des Müssens. Die Dinge müssen sich verändern. So funktionieren sie. Die Alte Welt schafft Chaos und wächst daran, um nur noch mehr davon zu erschaffen. Sie ist voller Leid und Gefahren. Ein unberechenbares Ungetüm aus Angst und Verzweiflung.“
„Aber dort können Menschen leben, entscheiden und glücklich werden. Sie sind frei!“, hält Altes Ich dagegen.
„Frei?“, stößt der Lentor verächtlich aus. „Die einen leben in Verschlägen des Schweigens und die anderen in Türmen des Hochmuts! Sie sind verdammt zur Veränderung, zu Wachstum, welches sie ertragen und gleichsam antreiben müssen. Es ist eine kranke Welt. Ohne Frieden und Glück. Kein Mensch ist frei in ihr.“
Der Lentor kniet sich zu mir herunter und legt tröstend seine Hand auf meine Schulter. Dann wendet er sich wieder Altes Ich zu.
„Du musst es doch am Besten wissen, Altes Ich. Du bist als Teil dieser Welt an ihr gescheitert. Warum wärst du sonst wohl hier, bei mir, in den verschlossenen Räumen? Wo ist das Schöne der Veränderung, von welchem du in deinen Geschichten so gerne erzählst? Und warum zerstört es dich? Sieh dich doch an! Es löst dich auf!“
„Es ist alles was ich noch habe“, flüstert Altes Ich. Seine Stimme ist jetzt so dünn und transparent wie er selbst. „Ich gebe es ihm, damit er sich erinnert.“
(Seine Worte, meine Tränen, in den Flüssen des Zorns.)
„Deine Absichten sind gewiss die allerbesten, aber ganz und gar gefährlich. Deine Erinnerungen sind sein Leid. Sie sind nicht das, was du uns glauben machen willst. Sie sind hier bei uns in der Neuen Welt nichts Gutes. “
„Doch das sind sie, Lentor!“, brüllt Altes Ich mit einem kampflustigen Funkeln in den Augen. „Ich helfe ihm sich zu erinnern, damit er zurückfindet!“
„Aber das darfst du nicht! Er muss seinen Weg alleine gehen!“, bestimmt der Lentor mit anschwellender Stimme. „Ich kann das nicht zulassen, Henri“, sagt er mit einem leisen Bedauern in seiner Stimme. Seine Hand hält mich weiter am Boden, als er in tiefen Tönen beginnt, ein Mantra aufzusagen. Die fremden Worte verteilen sich im Raum als eine feuerrote Kaskade betäubender Wellen. Ich verstehe ihre Bedeutung nicht und schaue hinüber zu Altes Ich, der sich, von der Kaskade umhüllt, die Hände auf die Ohren presst. Jetzt dröhnen die Worte des Lentors überall im Gemäuer, sie raunen aus Ecken, gellen und kreischen im ganzen Raum wie ein gewaltiger Insektenschwarm. Sie surren, summen, zirpen und brummen, und schleudern meinen nun ebenso brummenden und sirrenden Verstand in einer Interferenz des Wahnsinns umher, und schließlich, mit dem Schnalzen einer Peitsche, aus meinem Kopf heraus.
Gedanken wirbeln wirbellos bis sich nichts mehr grade macht. Mein Unterbewusstsein schäumt in mächtigen Wellen auf, in deren Gischt ein Mantra reitet. Es kristallisiert sich heraus wie Zuckerwatte und treibt mich süß vor sich her in die Enge:


Manisches Mantra murmelt mich machtlos,
Meiner Murmel macht’s mächtige Müh’
Mogelt meschugge, macht mich malade
Mehr Makel, mehr Masken, mehr Monotonie


Das Mantra lähmt mich. Altes Ich beginnt zu flimmern. Sein Bild ist gestört. Weißes Rauschen tritt an seine Stelle. Ich klebe am Boden wie nasses Herbstlaub. Das Mantra schwillt an zu einem Orkan und zerrt an meiner Seele.
Mehr Makel, mehr Masken, mehr Monotonie, posaunt es im Kanon aus dem Lentor heraus und dringt stumpf in mich ein. Es drückt und zieht an meinem Innern bis mein Nabel hervortritt wie ein sich windender Wurm. Es ist der Rest von Altes Ich. Ein Wurmfortsatz, unaufhaltsam länger werdend, Meter für Meter ein seelisches Ausweiden. Die Nabelschnur jetzt zum bersten gespannt. Das Mantra kreist, kreischt, quietscht, sirrt, klirrt, und schneidet Altes Ich – eiskalt - von mir ab.
Ich betrachte den Horror mit ruhiger Distanz.

In die Leere schlüpft,
wie ein Segen,
der friedlichste Gleichmut,
an dem ich mich labe wie an tausend Ammenbrüsten.
Ich schlürfe Frieden.
Unendlich.
Endlich.
Und
während ich
flimmerndes Altes Ich
dabei ansehe, beginne ich
ihn zu vergessen. Wohlige Willenlosigkeit
lässt mich fallen. Rückwärts, in ein tiefes,
warmes, schwarzes Loch, zum Grund meines Grabes.
An diesem Tag, der die Unendlichkeit ist, werde ich lethargisch begraben. Oben, am Grabesrand, steht der Lentor. Er lächelt milde und verständnisvoll wie ein Vater. Dann wird es ruhig. Eine stille Welt
kehrt zurück. Paralysiert.
Friedlich.

Plötzlich,
kaum merklich,
steigt ein leises Wimmern empor.
Ein tapferes
Wimmern.
Zuerst fast nicht zu hören. Dann lauter werdend.

Es singt das alte Lied in Moll.

Die Melodie umgibt mich, trägt mich nach oben…

…dem Lentor entgegen, der erschrocken zurückweicht, verängstigt, verwirrt. Aus Verwirrung wird Zorn.
Doch das alte Lied breitet sich gleichmäßig aus, unabwendbar treibt es den Lentor, ist schon bald beim alten Sofa angekommen, umgarnt den, der ich war, erneuert das Band zwischen uns, und lässt es schwingen im Zaubertakt der Unterschiede, in einem abstrakten System voller Besonderheiten.
Ich habe Angst, die mir Freude bereitet.
Der Lentor weicht weiter zurück, will nicht davon berührt sein. Türmt zurück zur Tür aus rostigem Stahl. Das Blatt will sich wenden. Der Zorn weicht der Angst. Die Macht des Wimmerns, die Macht der Unterschiede, lässt den Lentor so unabwendbar weichen, wie das Meer dem Land auf seinem Weg zum Mond. Dann geht die Flut und lässt uns allein. Der Lentor ist verschwunden.


Der Lentor und andere Rätsel


In all der Zeit, die ich hier in der Neuen Welt verbracht habe, habe ich den Lentor schon viele unglaubliche Dinge tun sehen. Ich kenne die Mantras, die er in den Messen zum Vergessen aufsagt. Ich kenne die Riten und Zauber, die nötig sind, um das Vergessene zu versenken. Ich weiß von den Gelübden, die er ablegt, um die Verschlossenen Räume verschlossen zu halten. Ich kenne die Mantras, die helfen nicht verrückt zu werden. Und ich kenne die Zeremonie, zu welcher der Mann von weit her kommt, der das alte Handwerk der Seufzer beherrscht. Er baut sie bei den Dunklen Fabriken, und zieht sie dann auf seinem Karren durch die Neue Welt bis hierher zu uns. Seine Seufzer sind prachtvolle Seufzer, so groß wie eine kleine Heldentat. In der Nacht der Zeremonie werden sie um die Verschlossenen Räume herum in den Boden gerammt, damit sie stöhnen und klagen bis sie nicht mehr funktionieren, was sehr lange dauern kann. Der Lentor steht dabei, murmelt Formeln und Mantras und zerbricht vorsichtig seine Träume. So beschützt er uns vor den alten Dingen, der Verzweiflung und den Tatsachen, die hinter den grauen Hügeln leben.
Ich will damit sagen: Ich kenne den Lentor. Er ist ein vorsichtiger, verschlossener und engstirniger Mann. Aber niemals, zu keiner Zeit des unendlichen Tages, hat er mich bedroht. Nie hat er mir Leid zugefügt.
Er kann mit dem was er über Altes Ich gesagt hat nicht richtig liegen. Wie soll ich ohne seine Erinnerungen an die Alte Welt zu Mos finden? Ich frage mich, was ihn dazu getrieben hat, Altes Ich von mir zu trennen. Erschrocken fasse ich an meinen Bauchnabel! Ich ziehe das Hemd hoch. Nichts. Kein sich windender Wurm. Nur ein altes verrostetes Wimmern in meiner Brusttasche, das nicht mehr funktioniert.
Altes Ich sitzt wie angewurzelt auf dem Sofa, die Hände weiter auf die Ohren gepresst. Durchsichtig ist er nicht mehr. Ich versuche es ihm zu sagen, aber mein Mund ist zu trocken. So verweilen wir eine Zeit lang, bis Altes Ich es endlich schafft seine Lähmung zu überwinden.
„Das kann unmöglich passiert sein!“, krächzt er, bevor er fürchterlich hustet und einen braunen Klumpen Schuld in seiner Hand verschwinden lässt. Ich tue so, als hätte ich es nicht gesehen. „Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich sagen, das war nicht der Lentor.“
„Wer soll es denn sonst gewesen sein?“, knirsche ich mit heiserer Stimme, verärgert, weil ich mir keinen Reim auf das machen kann, was gerade passiert ist. Die Reste des Mantras in mir gasen aus und hinterlassen zusammen mit Ärger und Misstrauen einen metallischen Geschmack in meinem Rachen.
„Aber ich weiß, was du meinst“, schiebe ich ruhiger nach. „Ich hätte auch nie gedacht, dass er so etwas tun könnte.“
„So etwas?“, fragt Altes Ich aufgebracht. „Was war dieses so etwas überhaupt?“
Ich schaue mich um, vielleicht auf der Suche nach einem Hinweis. Der fensterlose Raum hat die Farbe des feuerroten Mantras angenommen. Er wirkt jetzt noch enger. Wo vorher die grauen Wände ins Dunkel tauchten, sind sie nun zusammengerückt und kaum noch zwei Meter voneinander entfernt. Die Decke hängt tief, so dass die Lampe in der Mitte des Raumes fast bis zum Boden baumelt, wodurch ihr dunkles Licht noch unheimlicher wirkt. Es ist enger geworden.
„Es muss an dem gelegen haben, was du gesagt hast“, erscheint mir als einzig plausible Erklärung.
„Was meinst du?“
„Die Alte Welt. Veränderungen.“
„Wir haben schon oft über dieses Thema gestritten. Auch wenn du unterwegs warst. Das war nie ein Problem!“
Er hat Recht. Sie haben oft darüber diskutiert. Der Lentor hat sich mit seinem Glauben in der Neuen Welt eingerichtet. Er führt ein Mönchsleben und ist mit dem zufrieden, was er hat. Er lehnt die Alte Welt ab, aber er würde deshalb nicht zu Gewalt greifen.
Dennoch: Irgendetwas muss passiert sein als ich fort war.
„Ich möchte hier nicht bleiben“, unterbricht Altes Ich meine Gedanken. „Ich habe keine Lust auf eine weitere Begegnung mit diesem…“ er schaut zur Tür, „Ding.“
„Ding?“ frage ich.
„Er hat es auf mich abgesehen. Ich wäre fast verschwunden, Henri!“, sagt er, als wäre es ihm eben erst wieder eingefallen. Er geht zur Tür aus rostigem Stahl, legt sein Ohr daran und lauscht. „Nichts.“
„Wo sollen wir denn hin?“, frage ich. „Wir wissen ja nicht einmal, wo der Lentor jetzt gerade ist.“ Ich stehe auf, laufe im Raum herum und versuche diesen fürchterlichen Gestank loszuwerden. Die Verzweiflung ist wieder da. Altes Ich öffnet die Tür und schaut den Gang hinunter.
„Was hast du vor?“, frage ich. Ich habe Angst und muss mich setzten. Aufs rote Sofa.
Altes Ich schließt die Tür, setzt sich neben mich und legt mir seinen Arm um.
„Der Mann von weit her hat Seufzer gebracht“, flüstert er und sieht sich vorsichtig im Raum um, als befürchte er, der Lentor habe sich doch in einer der dunklen Ecken versteckt und warte nur darauf uns zu zerschneiden. „Er hat die verschlossenen Räume verlassen, kurz nachdem du zum Fluss aufgebrochen bist.“
„Was meinst du damit?“
„Wir könnten ihm folgen und fragen, ob er uns mitnimmt.“
„Ihm folgen? Wohin denn?“, frage ich verwirrt. Ich habe noch nie darüber nachgedacht diesen Ort zu verlassen. Angstschweiß tropft und verdampft noch bevor er den Boden berührt in einem grünen Zischen.
„Ich bin sicher, er lebt irgendwo bei den Dunklen Fabriken. Dort baut er doch auch die Seufzer. Dahin können wir gehen! Weg von hier! Raus aus den Verschlossenen Räumen!“
„Zu den Dunklen Fabriken? Weg von hier? Und was ist mit Mos?“, frage ich mit der hellen, sich überschlagenden Stimme, aus der Panik gemacht wird. „Wir können hier nicht weg, bevor ich ihn gefunden habe! Ohne Mos ist es schwer Dinge zu tun. Ich muss ihn erst finden! Lass uns noch einmal zum Fluss gehen. Ich kann es wieder versuchen. Mos ist irgendwo auf der anderen Seite! Ich habe es beim letzten Mal fast geschafft!“
Bei diesem Gedanken faltet sich das Bild eines Traums auf. Eine Frau, aber die Falte im Bild verdeckt ihr Gesicht. Das Bild riecht nach Mos. Ich muss ihn suchen so gut ich nur kann, mahnt es mich. Deshalb muss ich den Schwarzen Fluss überqueren. Zur anderen Seite zu gelangen. Ich stehe auf und gehe zur Tür.
„Mos ist nicht auf der anderen Seite des Flusses, Henri“, höre ich Altes Ich sagen, gerade als ich den Türgriff berühre. Ich lasse los, drehe mich um und bemerke, dass hier etwas nicht stimmt.
„Woher willst du das wissen?“, frage ich blechern, weil der Geschmack von Metall an meinen Worten haftet.
„Der Lentor und der Portalwächter haben darüber gesprochen, als du am Schwarzen Fluss warst. Sie haben beim Aufzug zu den verbotenen Bibliotheken gestanden. Ich war auf dem Rückweg von draußen und habe sie zufällig gehört bevor sie mich sehen konnten. Als ich bemerkt habe, dass es um dich geht, bin ich im Gang um die Ecke stehen geblieben, habe mich ruhig verhalten und zugehört.“
„Was hast du denn draußen gemacht?“
„Nichts Besonderes. Bin nur herumgelaufen. Ich wollte dir davon auch eigentlich gar nichts sagen - zumindest nicht sofort, weil ich dich nicht enttäuschen wollte.“
„Weil du mich nicht enttäuschen wolltest?“ Ich schlucke Quecksilber. „Was haben sie gesagt?“
„Mos ist nicht auf der anderen Seite des Schwarzen Flusses. Und er ist auch nicht der einzige Mos. Es gibt noch andere wie ihn. Sie sind alle bei den Dunklen Fabriken.“
Ich kann nicht glauben, was er da sagt.
„Warum hat der Lentor mich dann in den Fluss geschickt? Du wärst um mir zu helfen fast verschwunden!“
„Er will mich hier nicht haben, Henri. Er will, dass du wie er wirst.“
„Ein Lentor? Das glaube ich nicht!“
„Das haben sie gesagt.“
„Nein.“
„Doch.“
„Bist du dir ganz sicher?“
„Ja.“
Gedankenschleifen schleifen Gedanken. Extrafahrt! Das Karussell kommt zum Stehen. Klack, klack, klack. Gedanke: „Wenn es andere wie Mos gibt“, schießt er aus mir heraus, „dann muss es auch noch andere wie uns geben! Andere Ichs und Alte Ichs!“
„Davon haben sie nichts gesagt.“
„So muss es aber sein. Es muss so sein!“
„Was hält uns dann noch hier, Henri?“, sagt Altes Ich und steht auf. „Du musst dich jetzt zusammenreißen!“, beschwört er mich. „Wir müssen hier weg. Auch wenn es schwer ist ohne Mos.“
Es stimmt. Alles ist sinnlos wenn Mos nicht auf der anderen Seite des Flusses ist. Dann hat es keinen Sinn hier zu bleiben. Dann waren alle meine Versuche umsonst. Wie konnte der Lentor mir das antun?
„Du hast Recht“, stammle ich. „Wir müssen zu den Dunklen Fabriken.“



Zweifel


Am Tag, der vor langer Zeit begann, verlassen wir die verschlossenen Räume. Die Tür aus rostigem Stahl fällt ins Schloss und lässt mich zusammenfahren. Wir warten einen langen Augenblick, aber niemand zeigt sich. Nur ein paar verhüllte Laute aus den unteren Etagen schwingen im Gang auf und ab. Auf dem Weg durch die große Halle ist auch niemand zu sehen. Der Lentor ist womöglich in der geschlossenen Abtei. Die Kathedrale, wie ich die große Halle gerne nenne, liegt im dämmernd im milchigen Licht, das der unendliche Tag durch die grauen Fenster fallen lässt. An ihrem Ende sitzt der Portalwächter träge in seiner Kabine am Schreibtisch mit dem roten Telefon und versinkt zum Zeitvertreib in einer fixen Idee. Er ist ein netter alter Herr, dick mit kurzem grauem Haar. Ein buschiger Schnauzbart lässt ihn aussehen wie ein gutmütiges, altes Walross. Als wir lautlos näher kommen, hebt er den Kopf und schaut mich fragend an.
„Guten Tag, Henri“, lächelt er freundlich und legt seine Idee zur Seite, „wo soll’s hingehen?“
„Hallo Karl, wie geht’s?“, höre ich Altes hinter mir antworten, worüber ich froh bin, denn ich weiß nicht wo es hingehen soll. „Ich will vor der Messe noch ein bisschen Luft schnappen und einen kleinen Spaziergang machen“, fährt Altes Ich fort.
„Hast du das mit dem Lentor abgesprochen? Er hat mir nichts davon gesagt“, stutzt Karl.
„Ja, wir haben uns gerade unterhalten. Es war anstrengend heute. Deswegen meinte er auch, dass ein bisschen Bewegung draußen nicht schaden könne.“
Ich stehe im Raum, als ein Statist mit schweißnassen Händen.
„Du darfst die Verschlossenen Räume, während der Lentor in der Abtei ist, nicht ohne Erlaubnis verlassen, Henri“, sagt der Portalwächter. „Tut mir leid, ohne Erlaubnis kann ich dich nicht raus lassen.“ Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und greift zur fixen Idee auf dem Tisch um sie weiter zu studieren.
„Der Lentor hatte noch keine Gelegenheit es ihnen zu sagen, Karl. Wir haben eben erst miteinander gesprochen“, versucht es Altes Ich noch einmal.
„Dann wird er sicher gleich hier sein“, brummt das Walross ohne von seiner Lektüre aufzuschauen.
„Das glaube ich nicht.“ bemerkt Altes Ich lachend mit der charmanten Art, die hilft zu leben und Menschen zu überzeugen. Portalwächter Karl, das gutmütige Walross, hebt fragend seinen Walrosskopf und schaut mich unsicher an. Ich unternehme einen krampfhaften Versuch zu lächeln, aber Altes Ich drückt sich an mir vorbei und macht einen schnellen Schritt durch den kleinen Eingang ins Portalwärterhäuschen. Bevor ich weiß, was geschieht, hat er das Telefon in der Hand, hebt den Arm und lässt es mit aller Kraft auf Karls Kopf herabsausen. Dieser zerbricht beim ersten, das Telefon – klingelnd - beim zweiten Schlag. Mit der anderen Hand hat Altes Ich schon die fixe Idee vom Schreibtisch genommen und drischt damit nahtlos weiter auf Karls Schädel ein, bis er glaubt…noch drei, zwei und einmal fest, es sei genug. Überall vermischt sich eine verhängnisvoll gewordene Idee mit dunklem Walrossblut. Es geht alles sehr schnell. Karl ist in seinem Stuhl zusammengesackt und zeigt uns mit vorgebeugtem Oberkörper seinen deformierten Schädel, der aussieht wie eine blutige Mondkraterlandschaft. Altes Ich bückt sich, schaut Karl ins Gesicht und tätschelt kumpelhaft seinen Oberarm.
Er hebt Karls Kopf an und ich sehe sein Gesicht, das unter all dem Blut erschrocken schockgefrostet ist. Das Walross starrt verdutzt nach oben, als habe es die Attraktion auf seinem Kopf eben erst bemerkt und wolle sie nun auch endlich bestaunen.
„Keine Angst, Karl!“, fährt Altes Ich fort, „mein Mos ist verschwunden! Ich gehe nirgendwo mehr hin!“, grinst er über das ganze Gesicht und hebt mit übertriebener Geste fragend die Arme. „Wohin auch? In die Alte Welt vielleicht, hm?“ Dabei fummelt er an Karls Hosenbund herum und nimmt die Schlüssel fürs Portal an sich. „Lieber springe ich aus dem Fenster, mein Lieber!“, lacht er über einen Witz, den nur er verstehen kann, schaut mich dabei aber an, als sei ich eingeweiht und als wolle er sagen: Was ist? Noch nie einen blutigen Mond gesehen?
„Ich glaube nicht“, stammle ich.
Er drängt sich wieder an mir vorbei und geht zum Portal um es aufzuschließen. Ich stehe noch immer vor dem, was eben noch ein gutmütiges Walross war, bevor es sich auf den Weg zur Attraktion auf seinem eigenen Kopf gemacht hat.
„Mach schon!“, zischt Altes Ich nachdem er die Tür geöffnet hat, „und schau nicht so dumm! Er hätte uns nicht gehen lassen.“
Dann verschwindet er nach draußen und ich folge ihm - mit lautlosen Schritten.

Als ich vor das Gebäude trete, tauche ich wieder in die so vertraut fade Landschaft ein, die fahle Tristesse, die keine Geräusche macht. Die Ebene, welche sich vor mir bis zum Horizont erstreckt, auf der man in der Ferne das Ufer des Schwarzen Flusses sehen kann, wirkt wie eine hastig bemalte Kulisse. Leblos liegt sie da im ewigen Zwielicht, welches diese Welt beleuchtet ohne etwas in ihr zu erleuchten. Nur jetzt gesellt sich - wie ein ungebetener Gast - ein blutroter Mond hinzu. Armes Walross Karl, denke ich, und schaue mich nach Altes Ich um, aber er ist nirgends zu sehen. Also taumle ich zur Rückseite des Gebäudes. Dort ist er und versteckt sich hockend hinter dem Stapel Seufzer, die der Mann von weit her gebracht hat, die leise vor sich hin seufzen und darauf warten in den Boden gerammt zu werden bis sie nicht mehr funktionieren; dort hockt er und wartet auf mich, so, als wäre nichts geschehen, als säße Walross Karl noch immer in seiner fixen Idee vertieft neben dem roten Telefon, das erst beim zweiten mal zerbrochen ist. Mit rasend leerem Kopf hocke ich mich zu ihm hinter den Stapel und versuche in seinem Gesicht eine plausible Erklärung für das, was er getan hat, zu finden. Aber es bleibt mir verschlossen. Ohne Mos ist es schwer die Dinge zu sehen.
„Der Mann von weit her kam aus dieser Richtung“, flüstert er und zeigt auf die Grauen Hügel oberhalb des Zeremonieplatzes. „Dort irgendwo müssen die Dunklen Fabriken sein. Dort finden wir, was wir suchen.“
In seinen Augen blitzt ein Funke auf. Ich frage mich, ob dieser Funke einen Brand auslösen wird.
„Was werden wir dort finden?“
„Hast du Angst?“, fragt er herausfordernd.
Du bist jetzt die Angst.
Er betrachtet mich mit diesem Blick, der mir verschlossen bleibt, den ich zum ersten Mal gesehen habe, kurz bevor der Lentor versuchte, ihn von mir abzuschneiden. Etwas in ihm brodelt kühl und herausfordernd.
„Du denkst zuviel nach, Henri“, bemerkt er ernst, bevor er in Richtung der Grauen Hügel läuft.
Ich weiß nicht, ob ich ihm folgen soll. Aber ich weiß, ich muss Mos finden. Nur so kann alles funktionieren. Er wird Altes Ich zur Vernunft bringen und mir erklären, was ich wissen muss.
Also stehe ich auf und schiebe alle Bedenken bei Seite. Ich schiebe Walross Karl und seine blutige Attraktion zur Seite. Und ich schiebe den Lentor, der uns trennen wollte und dabei milde lächelte wie ein Vater, zur Seite. Nur Altes Ich lässt sich nicht verschieben. Er läuft schnell und ist jetzt schon fast bei dem Pfad, der durch eine tiefe Schlucht zu den Grauen Hügeln führt. Und ob ich will oder nicht, ich muss ihm folgen, denn er ist ein Teil von mir, und ich will wissen, was es mit diesem Teil auf sich hat, mit diesem Ich, warum Mos verschwunden ist, und warum zur Hölle ich hier bin.

Wir laufen endlos lange. Vielleicht Tage, vielleicht Monate. Auf dem leblosen Pfad zu den Hügeln, der nicht eine Biegung macht, wird es so kalt, dass meine Gedanken sich nicht mehr bewegen wollen, weshalb sie angsterfüllt knarren und schaben bis die Schmerzen unerträglich sind. Auf beiden Seiten des Pfades ragen hohe Steilwände empor. Thekenholz steht in Stümpfen entlang des Weges und will mich an sich heranziehen. Aber Altes Ich läuft unbeirrt weiter und zieht mich mit sich auf die Grauen Hügel zu, die, solange wir auch laufen, nicht größer werden wollen. Stets verweilen sie am Horizont, als würden wir sie vor uns her schieben. Aber irgendwann verliert sich der Pfad in einem weitläufigen Tal und die Kälte lässt nach. Auch das Thekenholz verschwindet.
Weit vor uns sehe ich nun zum ersten Mal den Mann von weit her als einen winzigen Punkt in mitten von Nichts. Er zieht seinen Karren durch die braune Graslandschaft und zeichnet uns so einen Weg. Altes Ich sieht ihn auch, sagt aber nichts. Wir haben, seit wir losgelaufen sind, kein Wort miteinander gesprochen. Von etwas getrieben, läuft er voran ohne ein einziges Mal das Tempo zu verringern. Als wir das Tal zur Hälfte durchschritten haben, bitte ich Ihn um eine Pause, aber er kann oder will mich nicht hören.
Der Mann von weit her ist beim Aufstieg irgendwo zwischen den Hügeln verschwunden, aber die Spur seines Karrens ist noch deutlich zu erkennen. Wir laufen weiter, immer weiter, weiter. Am Ende meiner Kräfte – vielleicht nach Jahren, kommen wir am Fuß der Grauen Hügel an und ich lasse mich fallen um nicht vor Anstrengung sterben zu müssen. Altes Ich dreht sich nach mir um, er will nicht rasten, erkennt aber, dass ich keinen Schritt mehr machen kann, und sieht es endlich ein. Missmutig setzt er sich neben mich und starrt die Hügel hinauf, fokussiert etwas, das ich nicht sehen kann. Ich liege zusammengekauert im braunen Gras und beobachte ihn. Fahrig wippt er mit dem Oberkörper hin und her und wendet den Blick nicht ein einziges Mal von dem ab, was uns hinter den Hügeln erwartet. So beobachte ich ihn bis ich in einen tiefen Schlaf falle.



Im Traum sitze ich in einer lauen Sommernacht am beleuchteten Pool eines luxuriösen Hotels. Aus den Lautsprechern hinter der Bar wogt seichter Jazz und der Barmann poliert Gläser. Ein künstlicher Wasserfall plätschert zu meiner Linken eine marmorne Wand herab. Zu meiner Rechten habe ich einen weiten Blick über einen Fluss, an dessen gegenüberliegendem Ufer eine Stadt ihre Lichter funkeln lässt. Ich bin zufrieden und entspannt. Außer dem Barmann und mir ist niemand sonst da. Während ich die tanzenden Spiegelungen im Fluss betrachte und den Jazz auf mich wirken lasse, träume ich im Traum vor mich hin. Plötzlich überkommt mich ein ungutes Gefühl, ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht das Recht habe, hier zu sein. Ich bin der falsche Mann am falschen Ort. Dazu kommt eine eigenartige Panik etwas vergessen zu haben. Nur weiß ich nicht, was. Es ist so ein Gefühl als hätte man den Ofen nicht ausgemacht oder das Auto nicht abgeschlossen, so als hätte man das Bügeleisen nicht abgeschaltet oder seine Tochter wieder einmal nicht vom Kindergarten abgeholt.
Vielleicht gehört der Traum auch einem anderen.
Im nächsten Moment wird der nackte Körper einer jungen Frau vor meinen Augen zerschmettert. Ihr Unterleib schlägt auf den Beckenrand des Pools, der Oberkörper ins Wasser. Dabei entsteht ein Geräusch, als würde da unten ein Sack Walnüsse geknackt.
„So ist dein Mos verschwunden!“, ruft der Barmann mir zu und poliert weiter seine Gläser.



Der Mann von weit her

„Wir müssen weiter, Henri“, höre ich jemanden aus großer Ferne rufen.
So hast du deinen Mos verloren, hallt es in meinem Kopf nach. „Mos?“, frage ich gepresst.
„Nein, kein Mos weit und breit“, kommentiert Altes Ich abwesend.
Ich öffne die Augen. Er steht neben mir und schaut den Hang hinauf.
„Wir müssen weiter“, wiederholt er.
„Ich hatte einen seltsamen Traum“, murmle ich. „Ich saß am Pool eines schicken Hotels. Dann ist plötzlich eine Frau verunglückt. Sie ist direkt vor mir am Boden zerschmettert. Sie muss gefallen sein. Vielleicht ist sie auch gesprungen.“
„So?“, antwortet Altes Ich wenig interessiert.
„Und dann sagte der Barmann, so hätte ich Mos verloren. Kannst du dir darauf einen Reim machen? Es war ein Traum aus der Alten Welt.“
„Hab ne Menge Frauen gekannt in der Alten Welt.“
„Aber was hatte die aus meinem Traum mit Mos zu tun? Was hat der Barmann damit gemeint?“
„Es war nur ein Traum, Henri. Sei froh, dass du überhaupt noch träumst, wo du doch sonst fast nichts mehr fühlst und dich nicht erinnern kannst.“
Vielleicht hat er Recht. Ich weiß nicht viel von der Alten Welt und verstehe wenig davon, Dinge von dort zu deuten, weil mir die Bezüge dazwischen fehlen. Aber trotzdem befriedigt mich diese Erklärung nicht. Diese Frau und ihr nackter Körper, verformt wie eine bizarre Skulptur, gehen mir nicht aus dem Kopf.
„Der Mann von weit her ist vielleicht schon weiter gezogen. Wir müssen uns beeilen, wenn wir seine Spur nicht verlieren wollen“, drängt Altes Ich und läuft den Hang hinauf. Ich schaue noch einmal zurück auf die weite Ebene, an deren Horizont der leblose Pfad aus der Schlucht fließt, wie ein ausgetrockneter Bach. Dahinter die Verschlossenen Räume; und Karl das Walross, das die Attraktion auf seinem Kopf bewundert. In der Alten Welt nannte man es Mord.
Mos wird wissen was zu tun ist.

Nachdem wir den ersten Hügel erklommen haben, breitet sich vor uns eine rostige Landschaft mit weiteren Hügeln bis zum Horizont aus. Der Himmel hängt an manchen Stellen so tief, dass man sich den Kopf daran stößt. Wie eine feucht-kalte Hand legt er sich immer wieder in mein Genick, was mich ekelnd frösteln lässt. Als wir einen besonders hohen Hügel besteigen und kriechen müssen, um zwischen Boden und Himmel zu passen, kann ich den Mann von weit her erkennen, wie er seinen Karren durch ein Tal manövriert und dabei die charakteristische Spur hinter sich zieht, der wir folgen wie auf Schienen. Wir haben ein gutes Stück aufgeholt und er ist jetzt nur noch zwei Hügel von uns entfernt. Während wir laufen, denke ich darüber nach, wie er wohl sein wird und was er hier macht - in der Neuen Welt. Ich bin gespannt darauf ihn zu treffen. Ihm Fragen zu stellen. Vielleicht kann er mir mehr über Mos sagen. Vielleicht kennt er den Weg zurück in die Alte Welt. Aber wenn er ihn kennen würde, wäre er dann noch hier? Und was ist mit Altes Ich? Wie wird er sich verhalten?
„Was glaubst du, wie er so ist?“, frage ich ihn. Er läuft vor mir, gibt Geschwindigkeit und Richtung an.
„Wer?“
„Der Mann von weit her“, erwidere ich verblüfft. „Es ist ja sonst niemand da.“
„Manche Dinge sind immer da. Auch wenn sie weit entfernt sind“, gibt er kryptisch zurück.
Wir laufen weiter während ich darüber ohne Erfolg nachdenke. Nach einiger Zeit fährt er fort: „Ich glaube, dass er mehr ist, als ein Mann, der Seufzer baut. Er muss schon sehr lange hier sein. Er kennt das alte Handwerk. Und er kennt die Neue Welt. Er kann uns von großem Wert sein.“
„Glaubst du, er weiß wo Mos ist?“, frage ich, durchs braune Gras stapfend.
„Vielleicht“, erklärt er ohne sich zu mir umzudrehen. Aber ich glaube ein Lächeln in seiner Stimme zu hören.

Wir laufen so lange, wie ein ewiger Tag nur dauern kann, bis wir auf eine Distanz von etwa zweihundert Metern an den Mann herangekommen sind. Plötzlich bleibt er stehen und legt das Geschirr zum Ziehen des Karrens ab. Er geht zur Hinterseite und hantiert mit den Dingen herum, die er geladen hat. Was es ist, kann ich von hier aus nicht erkennen. Altes Ich hockt sich hinter einen verdorrten Strauch und deutet mir dasselbe zu tun.
„Warum verstecken wir uns?“, frage ich flüsternd.
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtet Altes Ich angestrengt das Treiben des Mannes. Der ist noch immer mit den Sachen auf seinem Karren beschäftigt. Er scheint etwas miteinander zu verbinden oder zusammenzusetzen. Von Zeit zu Zeit schaut er sich um und betrachtet die Landschaft.
Dann wirft er einen kurzen Blick über seine Schulter, schaut mich direkt an, um gleich wieder mit seiner Beschäftigung auf dem Karren fortzufahren.
„Hat er uns gesehen?“
„Er erwartet jemanden. Deswegen schaut er sich ständig um.“
„Vielleicht fürchtet er sich vor irgendetwas“, versuche ich es und muss unweigerlich mit einem mulmigen Gefühl über meine Schulter schauen.
„Du bist ein Feigling, Henri.“
Ich versuche die Dinge ungefährlich zu halten; keine weiteren Attraktionen.
Altes Ich ist steif vor Anspannung und starrt weiter auf das Szenario im Tal, zwischen die Hügel, wo der Mann von weit her jetzt mit dem, was er an seinem Karren zu erledigen hatte, fertig ist, zur Vorderseite geht und sich das Zuggeschirr umlegt. Wir bleiben sitzen, bis er hinter dem nächsten Hügel verschwunden ist. Ich frage mich, warum wir nicht gleich zu ihm gegangen sind, warum wir uns verstecken mussten und ob es nicht Altes Ich ist, der Angst vor etwas hat.
Das nächste Mal sehen wir den Mann, als wir über einen besonders hohen Hügel kriechen und der synthetische Himmel mir über den Rücken gleitet wie ein Desinfektionsmittel. Mir ist nicht klar, wie der Mann von weit her seinen Karren über diese Hügel bringt. Er scheint einen Weg durch die Täler zu kennen, der sich auf seltsame Weise vor ihm auftut, als würde er geschoben. Wir sollten mit ihm zusammen laufen. Ich krieche neben Altes Ich, der vor mir auf der Spitze des Hügels Halt gemacht hat und mit aufgestützten Ellebogen hinunter ins Tal schaut.
„Wir sollten uns bemerkbar machen“, sage ich und beobachte ihn dabei von der Seite.
Er sieht ausgezehrt und müde aus. Sein Gesicht wird bei meiner Bemerkung noch härter.
„Nein“, drückt er durch gepresste Lippen.
Ich robbe noch ein Stück weiter vor und den Hügel herab, bis ich wieder stehen kann.
„Henri!“, zischt er.
Ich beginne den Hügel herunter zu laufen. Erst langsam, dann schneller, bis meine Beine mich überholen und ich stolpere und mit den Armen kreise, um mich nicht zu überschlagen.
„Hey!“, rufe ich im Rennen. Meine Stimme holpert den Hügel hinunter und ich ihr hinterher. „Hallo! Warten Sie!“
Plötzlich bleibt der Mann stehen ohne sich umzudrehen. Ich verlangsame das Tempo indem ich mich auf meinen Hintern fallen lasse und so rutsche bis ich zum stehen komme. Jetzt frage ich mich, ob es eine gute Idee war, so herumzubrüllen und ich sehe mich nach Altes Ich um. Aber der hängt weiter zwischen Hügel und Himmel. Sein Blick springt zwischen mir und dem Mann am Karren hin und her. Als ich nach unten ins Tal schaue, hat dieser sein Geschirr abgelegt und auf der Rückseite seines Karrens Platz genommen. Unbeteiligt, als genieße er die Landschaft, lässt er seine Beine baumeln ohne mich anzuschauen. Ich bin nicht mehr als dreißig Meter von ihm entfernt. Er sieht nicht bedrohlich aus - soweit ich das von hier aus beurteilen kann. Er scheint jünger als ich zu sein, trägt einen alten, staubbraunen Anzug und einen schwarzen Hut. Ich laufe langsam los.
Als ich näher komme, erkenne ich ein paar der Dinge, die er auf dem Karren verstaut hat. Ein Disput liegt neben einer alten Verleumdung und zwei Monologe bedecken einen ganzen Haufen kleiner Jammereien. Auf der rechten Seite, an die hölzerne Wand gelehnt, stehen drei große Lügen und warten auf ihren Einsatz. Der Mann dreht sich eine Zigarette, leckt sie lässig an und wickelt sie mit einer Hand zu. Dann zündet er sie mit einem Streichholz an und inhaliert tief.
„Hallo“, sage ich halblaut und bleibe ein paar Meter vor ihm stehen.
„Hallo Henri“, antwortet der Mann von weit her und bläst Rauch durch ein Lächeln, das so dünn ist, wie das Eis, auf das ich mich begebe.

„Sie kennen meinen Namen?“
„Ja.“
„Woher?“
Er schaut den Hügel hinauf zu Altes Ich.
„Was ist mit ihm?“, fragt er mit zusammengekniffenen Augen, und deutet mit der Zigarette in der Hand den Hügel hinauf, wo Altes Ich hockt und uns beobachtet.
„Er ist…“
„…dein Altes Ich, ich weiß. Aber warum kommt er nicht herunter zu uns? Angst?“ Er lacht spöttisch und tritt die Kippe am Boden aus.
„Sollte er denn Angst haben?“, frage ich jetzt fester. Dieser Mann wirkt seltsam vertraut und scheint trotz seiner einschüchternden Art, kein böser Mensch zu sein.
„Wie heißen Sie?“, frage ich ihn. „Meinen Namen kennen Sie ja bereits.“ Er antwortet nicht. Entweder hat er mich nicht gehört oder er muss noch darüber nachdenken. Vielleicht will er auch nicht. Dabei schaut er Altes Ich zu, wie dieser vorsichtig den Hügel herunter läuft, ohne den Blick von uns abzuwenden. Als ich schon nicht mehr mit einer Antwort rechne, schaut der Mann von weit her mich aus dem Augenwinkel an.
„Ich kann dir meinen Namen nicht sagen, Henri. Ich weiß, du hast viele Fragen, aber die Antworten darauf hat ein anderer.“ Dann gleitet sein Blick wieder zu Altes Ich, der jetzt am Fuß des Hügels angekommen ist und bald bei uns sein wird.
„Ein anderer? Wer?“, frage ich.
„Er“, antwortet der Mann von weit her und deutet mit einem Kopfnicken auf Altes Ich, der, ein paar Meter von uns entfernt, misstrauisch Position bezogen hat.

„Wir wollen hier ausruhen und ein Feuer machen!“ Der Mann zieht eine Holzkiste vom Karren und stellt sie vor sich auf den Boden. „Die können wir brauchen. Das sollte es in der Neuen Welt eigentlich gar nicht geben. Aber was soll’s. Ich habe auch noch Holz auf dem Karren. In dieser Gegend werden wir außer Thekenholz nicht viel finden“, sagt er und holt Äste und Reisig vom Wagen. Altes Ich beobachtet ihn noch immer von derselben Stelle aus wie zuvor, ein paar Meter von uns entfernt.
„Komm her!“, ruft der Mann ihm freundlich, aber bestimmend zu. Altes Ich kommt herüber und stellt sich neben mich.
„Was ist in der Kiste?“, fragt er den Mann von weit her; den Mann ohne Namen, der sich jetzt daran macht, aus Reisig und Ästen Feuerholz aufzuschichten.
„Setzt euch!“, antwortet dieser ohne sich von seiner Arbeit abzuwenden. Wir setzen uns. Er öffnet die Kiste und holt drei Decken hervor. Er reicht uns jedem eine und ich bin froh darüber, denn es ist wieder kalt. Manchmal vergesse ich, dass ich friere. Meine Zähne klappern dann lautlos.
„Was ist noch in der Kiste?“, fragt Altes Ich.
Ich schaue ihn fragend an. Der Mann von weit her ist mit dem Scheiterhaufen fertig. Er dreht eine neue Zigarette, zündet sie an und legt das Streichholz unter das Reisig. Kurz darauf lodern grüne Flammen empor und entzünden ein gemütliches, smaragdfarbenes Feuer, in dem mein Blick sofort versinkt.
„Ich nenne es GrünBlau“, höre ich den Mann sagen ohne dabei den Blick vom Feuer zu nehmen.
„GrünBlau?“ Altes Ich scheint ebenso wenig wie ich zu verstehen.
„Das in der Kiste. Du wolltest wissen, was in der Kiste ist. Ich nenne es hier GrünBlau. In der alten Welt nannten sie es Schnaps.“
Altes Ich zuckt zusammen, so dass wir uns kurz berühren. Ich löse mit einiger Anstrengung meinen Blick vom Feuer und schaue ihn an. Er wirkt aufgekratzt. Ich weiß nicht, was es mit diesem Schnaps auf sich hat, aber Altes Ich, weiß mit Sicherheit worum es geht.
„Es ist ein Getränk, Henri“, sagt der Mann an mich gerichtet, und in seinen blauen Augen züngeln grüne Flammen und lassen sein Gesicht ein gespenstisch leuchtendes Zyan annehmen.
„Schnaps?“, frage ich und schaue Altes Ich an, der meinen Blick nicht erwidert, weil er fasziniert auf die Kiste stiert.
„Hier bei euch in der Neuen Welt gibt es keinen Grund für Schnaps“, erläutert der Mann von weit her und öffnet seine Holzkiste erneut. „Der unendliche Tag ist nur ein Tag, egal ob unendlich oder nicht. Einen Tag lang hält man das leicht aus. Und es macht auch viel zu viel Spaß. Es passt eigentlich nicht hierher. Aber dein Freund, Henri“, er schaut mich mit lodernden Augen an, „dein Altes Ich, könnte jetzt bestimmt einen Schluck vertragen, nicht wahr?“
„Ja“, haucht Altes Ich. Der Mann von weit her holt nach einigem Suchen drei Gläser und eine Flasche mit einer blauen Flüssigkeit darin hervor. Er stellt die Gläser auf die wieder geschlossene Kiste und gießt langsam ein. Im Schein des Feuers vermischt sich das Getränk zu etwas in der Farbe eines Traums und wieder verliert sich mein Blick darin.
„Trinkt!“ höre ich den Mann sagen. Altes Ich schließt die Augen, hebt zitternd das Glas zum Mund und trinkt, saugt die Flüssigkeit aus dem Glas, die ihm dann, sich kräuselnd, aus der Nase steigt. Als er lächelnd die Augen öffnet, scheint er an einem anderen Ort zu sein.
„Ist er in der Alten Welt?“, frage ich den Mann von weit her.
„Trink“, sagt er leise zu mir. „Trink.“
Ich trinke und GrünBlau zieht ein in meinen Kopf, breitet sich aus und benetzt meinen Körper wie streichelnder Mehltau von innen. Dann tauche ich ab.

Im Traum auf der anderen Seite begegne ich Mos. Er sitzt mit geschlossenen Augen an einem runden Tisch in einem runden Raum und wartet auf mich. Als ich ihm gegenüber Platz nehme, öffnet er die Augen und wir schauen uns lange an. In seiner Gegenwart fühle ich mich geführt. Er weiß, was zu tun ist. Er ist der Macher. Trotzdem ist es beklemmend. Ein Ziehen im Bauch macht sich breit und wird zur Übelkeit. Mos legt die Hände flach auf den Tisch und beugt sich ein Stück nach vorne, um mir tief in die Augen und direkt ins Herz zu schauen.
Hinter ihm gleiten plötzlich zwei Wände auseinander. Dahinter kommt ein stählerner Käfig zum Vorschein. Mos bleibt mit dem Rücken zum Käfig sitzen und ich stehe auf, um besser sehen zu können, was sich darin befindet. Es ist mein Altes Ich. Als er mich sieht, streckt er mir mit flehendem Gesichtsausdruck seine Arme durch die Gitterstäbe entgegen.
Entsetzt starre ich Mos an, der jetzt begonnen hat zu verrotten. Er zerbröselt vor meinen Augen. Altes Ich beginnt wie wahnsinnig zu kreischen und an seinem Käfig zu rütteln.
„Du hast die Kontrolle über ihn verloren, Henri. Du warst zu oft weg“, höre ich Mos sagen, bevor er in einem kühlen Luftzug verschwindet und mich mit Altes Ich in dessen tobendem Horror zurücklässt. Dann schließen sich die Wände wieder und es wird still. Ich beginne zu fallen.



Lucky Liquor

Am Tag, der 1984 begann, saß er im Lucky Liquor und versuchte die wuchernden Narben der Demütigung mit Schnaps von seiner Seele zu schleifen. Der Sorgerechtsprozess war nun endgültig verloren. Er würde seine Tochter für eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen. Vielleicht nie mehr. Die Richterin hatte ihm mit einem Lächeln erklärt, er sei ein Versager und nicht in der Lage, ein Kind großzuziehen. Und sie hatte Recht.
Auch die Anwältin hatte ganze Arbeit geleistet. Ein tief sitzender Männerhass und die Lügen seiner Exfrau hatten ihr dabei geholfen und ihn schließlich, nach einem langen Kampf über die volle Distanz, wie einen müden Boxer, in die Ecke getrieben, wo sie ihm gnadenlos das, was von seiner Würde und seinem Stolz noch übrig war, aus dem versoffenen Körper geprügelt hatten. Er hatte sich im Laufe seines Lebens an Demütigungen gewöhnt, kannte er sie doch seit frühester Kindheit. Nur die Narben, die sie hinterließen, juckten und brannten unentwegt. Er versuchte daran zu kratzen, aber das machte es nur schlimmer. Vielleicht geriet er aus diesem Grund immer wieder an die Frauen, die Miststücke waren. Vielleicht wollte er Feuer mit Feuer bekämpfen. Neue Demütigungen erhalten, um die alten zu vergessen. Aber damit sollte jetzt Schluss sein. Gelächter und Gejohle rissen ihn aus seinen Gedanken.
Die Traumfrau am anderen Ende des Tresens mit den langen blonden Haaren lachte laut über einen Witz, den einer der jungen Kerle, die um sie herum standen gemacht zu haben schien. Sie warf ihren wunderschönen kleinen Kopf dabei selbstverliebt in den schlanken Nacken, wo feine blonde Härchen auf zart brauner Haut glitzerten. Eine makellose Schönheit überzog sie wie ein Lack. Sie war ihm beim Hereinkommen sofort aufgefallen. Ihr überhebliches Auftreten, ihre extravagante Frisur, ihr teurer Schmuck, ihr ebenmäßiger Teint, sie passte nicht hierher. Und doch – oder gerade deswegen, konnten weder Männer noch Frauen den Blick von ihr lassen. Die einen bewunderten sie, die anderen gönnten ihr nichts, beneideten sie dafür aber umso mehr. Sie gaben Getränke aus in der Hoffnung auf eine Nacht mit ihr, die – und das wussten sie alle, sich mit keiner der Nächte vergleichen lassen würde, die sie bisher erlebt hatten oder noch erleben würden. Sie tuschelten über sie, beobachteten sie, sie verzehrten sich nach ihr. Henri hasste sie vom ersten Augenblick an.
Das provozierende Selbstverständnis, mit dem sie sich bewegte wie eine unrechtmäßige Königin, die vulgäre Mischung aus Geltungsbedürfnis und Arroganz in ihren Augen, das affektierte Lachen, der gelangweilte Augenaufschlag, all das wurde zusammengehalten von einer Oberflächlichkeit, die so unerträglich war, dass Henri sie ihr am liebsten aus dem Gesicht geprügelt hätte. Trotzdem wollte er sie. Er wollte sie haben, um ihr zu zeigen, dass sie eine leere Hülle war. Ein Gefäß, das er mit seinem Schwanz bis ins Letzte ausfüllen würde, weil sich sonst nichts darin befand, außer Abscheulichkeit, die er ihr mit kräftigen Stößen schon austreiben würde. Und sie würde ihm nichts anhaben können.
Er schaute sie über den Tresen hinweg an bis sich ihre Blicke begegneten. Ohne zu lächeln prostete er ihr kaum merklich zu. Dass er sie hasste, dass er Abscheu für sie empfand, verbarg er kaum. Das unterschied ihn von den anderen Männern hier. Er war eine Herausforderung für sie. Sie wollte ihn demütigen. Und er wusste es. Er gab ihr keinen Drink aus, und er versuchte auch nicht witzig zu sein. Er schaute sie nur mit dieser Mischung aus Abscheu und Verlangen über sein Glas hinweg an, bis sie selbstgefällig sexy zu ihm herüber gestöckelt kam. Henri bestellte sich noch ein Bier und zwei weitere Schnaps. Er wollte besoffen sein, bevor er sich daran machte, diese Königin zu stürzen.
Ihr Name war unwichtig, aber sie war aus gutem Hause und vor ein paar Jahren aus beruflichen Gründen in die Stadt gekommen. Etwas mit Medien, stand auf den Worthülsen, die stakkatoartig ihre vollen Lippen passierten. Projekte und andere Unwichtigkeiten. Henri hörte nicht zu. Er trank sein Bier und die Schnäpse und lauschte Johnny Cash, der mit „If You Could Read My Mind“ leise aus den Stereos hinter der Bar tröpfelte. Es dauerte nicht lange, bis sie zahlten und zu seinem Auto gingen. Auf der Fahrt redete sie weiter ohne etwas zu sagen. Ein paar Mal war er kurz davor anzuhalten und sie einfach aus dem Wagen zu stoßen. Aber je mehr sie redete, je angeberischer und unbedeutender sie sich präsentierte, desto sicherer war er sich auch in seinem Vorhaben, sie zu ficken bis sie ein für allemal die Klappe halten würde. So würde er sie beherrschen und ihr zeigen, wo sie in wirklich stand.
Er wollte sie nicht mit zu sich nach Hause nehmen, aber es sollte auch keine billige Nummer werden. Deswegen nahm er ein komfortables Zimmer im Hyatt. Es lag im vierzehnten Stock und hatte auf der Seite, die zum Fluss zeigte, eine große, vom Boden bis zur Decke reichende Fensterfront, durch die man einen herrlichen Blick aufs Wasser hatte, in dem sich die Lichter der Stadt auf der anderen Flussseite spiegelten.
Im Aufzug fasste sie ihm an den Schwanz und massierte ihn hart. Sie wollte ihn küssen, aber er drehte den Kopf von ihr weg. Stattdessen griff er ihr unter den Rock, schob den Schlüpfer bei Seite und steckte – um zu überprüfen ob sie bereit für ihn sei, mechanisch wie ein Forscher, der mit sterilen Gefühlen hantiert - einen Finger in ihre Muschi, wobei sie aufstöhnte und ihm ihr Becken entgegen schob. Nass und bereit, notierte der Forscher. Auf dem kurzen Weg vom Lift zum Zimmer öffnete sie ihm die Hose und Henri drückte sie runter auf ihre Knie, wo er sie, mit ihrem Haar in seinen Fäusten, für eine Weile festhielt; wo sie lutschte und er hoffte, dass ein anderer Gast sie sehen würde, dass jeder sehen würde, was für eine billige Schlampe sie unter der schönen Fassade in Wirklichkeit war. Sie wollte das Spiel mitspielen, bei dem jeder seine eigenen Regeln machte, und lutschte wie besessen, nahm ihn so tief in sich auf bis sie würgen musste und Kotzgeräusche und Spucke aus ihrem feinen aristokratischen Hals liefen - wie Schadenfreude. Als er genug hatte riss er sie hoch und öffnete die Tür, trieb sie ins Zimmer und warf sie aufs Bett. Dort zog er ihr unsanft die Kleider aus, dann sich selbst, wobei er sie ernst betrachtete und ihr Gesicht studierte, das Geilheit und Arroganz in sich vereinte, was seine Grobheit und Wut noch steigerte und ihr einen gleißenden Schmerz ins Gesicht zauberte, als er, rücksichtslos wie ein Tier in sie eindrang. Als er dann vor ihr kniete und sie fickte, legte er ihr eine Hand aufs Gesicht und drehte es zur Seite, damit er sie nicht ansehen musste. Ihre festen kleinen Brüste wackelten auf und ab und sie stöhnte genauso affektiert und nach Aufmerksamkeit heischend wie sie redete. Als er es satt war, drehte er sie um, so dass ihr Gesicht in die Bettdecke gedrückt wurde und ihr Stöhnen erstickte. Dabei blickte er aus dem Fenster über den Fluss auf die Lichter der Großstadt, wo man stets das Recht hat einsam und verloren zu wirken.
Er würde nicht kommen. Das wusste er. Sie sollte kommen und ihm dabei hilflos ausgeliefert sein. Er zog seinen Schwanz aus ihr heraus, packte sie, schleifte sie vom Bett und schubste sie zur Fensterfront, wo er sie im Stehen von hinten nehmen wollte. Sie bückte sich ein Stück nach vorne und stützte sich mit ihren Unterarmen am Fenster ab. Er packte sie mit beiden Händen so fest er konnte an der Taille, was ihr zu gefallen schien. Dann drang er wieder in sie ein; Mit kräftigen Stößen bis zum Anschlag. Sie keuchte bei jedem Stoß und stöhnte laut gequält, weil er sie so tief und fest fickte, wie er nur konnte. Als sie kurz davor war zu kommen, schlug er sie so heftig, dass ihr Arsch die Farbe von gekochtem Hummer annahm, was sie noch mehr in Fahrt brachte. Schließlich kam sie mit einem Schwall heißen Saftes, der aus ihrer Muschi lief und an seinen Eiern herabtropfte, um auf einem schönen Teppich unschöne Flecken zu hinterlassen. Er zog seinen Schwanz aus ihr heraus, ganz durcheinander, weil es ihn nicht befriedigt hatte, sie zu behandeln, als sei sie nichts wert. Vielmehr fühlte er sich wertlos, weil eine Stimme in seinem Kopf, von der er geglaubt hatte, sie sei samt ihres Besitzers längst verschwunden, ihn anschrie, ihn verfault und mörderisch schimpfte, ihn ein Monster nannte. Er kannte und hasste diese Stimme seit langem. Aber ihr Besitzer hatte nichts mehr zu melden. Er saß nun am Drücker. Und doch war die Stimme mächtig und überzeugend, fast quälend; hatte vielleicht sogar Recht. Noch immer hielt er mit seinen Händen ihren Hintern fest. Die Scheibe vor ihrem Gesicht war beschlagen vom Atem und sie stützte sich weiter daran ab und rang nach Luft, die ein tiefer Orgasmus ihr geraubt hatte. Als sie bemerkte, dass er es dabei belassen wollte, dass er auf die Warnung der verdammten Stimme in seinem Kopf hören wollte (er wollte jetzt nur noch weg von hier), fing sie an zu lachen. Sie fragte ihn verächtlich ob das alles gewesen sei. Sie wollte den Spieß umdrehen. War das alles? Das? Kann es sein, dass du ein kleiner Schlappschwanz bist? Kann dein kleiner Pimmel nicht mehr, kicherte sie ohne ihn anzusehen. Sie stand noch immer mit dem Rücken zu ihm und lehnte am Fenster. Neben ihrer Verachtung genoss sie womöglich noch das Panorama davor. Ich hätte es wissen müssen, höhnte sie.
Henri merkte, dass die Sache ihm aus der Hand glitt. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Er hatte sie fertig machen wollen. Jetzt machte sie ihn fertig. Sie war im Begriff zu gewinnen, ihn zu demütigen. Er dachte an seine Ex. An die Richterin. Die Anwältin. An seine Tochter. Dann trat er einen Schritt zurück, hob seinen Fuß, setzte ihn in der Mitte ihres Hinterns an, so dass seine Ferse sich zwischen ihre Arschbacken schob, und trat, ohne eine weiteres Wort zu verlieren, so fest zu wie er nur konnte. Sie wurde gegen die Scheibe geschleudert, die sofort, von der Stelle aus, wo ihr hübscher Kopf gegen sie schmetterte, in wunderschönen konzentrischen Kreisen zersprang und zu einem großen kristallenen Spinnennetz wurde, das vom Boden bis zur Decke reichte. In der Mitte Blut vom schönen Gesicht, das jetzt gar nicht mehr arrogant wirkte.
So klebt sie fest im Netz, noch immer seinen Fuß zwischen den Arschbacken.
Indem er seine Hüfte mit aller Kraft nach vorne schiebt, zum finalen Stoß, das Bein gestreckt, tritt er sie durch das Spinnennetz, an welchem sie sich schwer verletzt. Zusammen mit Scherben und Hochmut fällt sie ohne zu schreien nach unten. Heraus aus seinem Blickfeld (endlich), und schlägt, nackt wie sie ist, mit dem oberen Teil ihres fabelhaften Körpers im Pool, mit dem unteren, in dem soeben noch sein Schwanz pulsierte, auf den Rand des Beckens auf.
Henri schaute nicht nach unten. Er war einfach froh sie los zu sein. Auch die Stimme in seinem Kopf war nun endgültig fort. Leb wohl, gefickte Königin der Schmerzen, dachte er laut, bevor er das Bewusstsein verlor.


Nach dem Rausch

Der Himmel hat die Farbe matten Stahls, die Landschaft tut es ihm rostig gleich. Nichts fliegt, läuft oder kriecht hier. Kein Wind, nicht eine Bö, kein Lufthauch streicht über diese geräuschlose Welt. Jeder Hügel, jeder Fels ist nichts als Kulisse. Jede Person ein Statist. Mos, Altes Ich, der Mann von weit her; alle sind bloße Statisten im Theater Tristesse.
Ich schaue mit halb geöffneten Augen in den Himmel, der mich mit dem Gewicht seines Stahls zu erdrücken versucht. Ein schrecklicher Traum hängt mir nach, scheppert hinter mir her wie Blechdosen an einem Hochzeitsauto. Langsam versuche ich meinen Kopf zu bewegen, der pumpend pocht, drehe ihn zur Seite und sehe den Mann von weit her, wie er sich an seinem Karren zu schaffen macht. Immer räumt er darin herum. Etwas fehlt. Ich setze mich auf und schaue nach Altes Ich. Er ist nicht da.
„Er ist gegangen“, ruft der Mann mir zu.
Schwindel und Pochen verlangsamen mich erheblich, verstopfen den Kanal, diesen kleinen Schlitz, durch den der Groschen fallen muss.
„Was macht er? Wann kommt er zurück?“
„Beruhige dich, Henri. Es hat alles seine Richtigkeit. Er wird nicht zurückkommen.“
Ich fühle mich so leer wie nie zuvor. Trotz der Dinge, die er getan hat, ist er ein Teil von mir, hat mich immer mit Geschichten von früher gefüllt, wenn mein Herz fast vertrocknet war. Nun bleibt nichts davon zurück.
„Wo ist er? Wie soll ich ohne ihn Mos finden? Warum hast du ihn gehen lassen?! Ich kann mich ohne ihn nicht erinnern!“
„Du musst auf dich vertrauen, Henri.“
„Aber ich weiß doch nichts! NICHTS!“
Mein einziger Anker ist verloren.
„Wie kann ich sein ohne Vergangenheit? Ohne die Erinnerungen von ihm bin ich nur eine leere Hülle!“
„Du wirst dich erinnern. Deine Träume werden es dir zeigen. Und ich werde dir dabei helfen, Henri. Lass ihn ziehen. Er muss seinen eigenen Weg gehen.“

Ich stehe auf, kraftlos und entmutigt. Allein.
„Du bist doch immer allein“, höre ich den Mann von weit her sagen, der weiterhin mit den Dingen auf dem Karren beschäftigt ist, und deshalb über seine Schulter spricht, so dass ich sein Gesicht nicht sehen kann. „Von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet.“
„Was meinst du damit?“, flüstere ich dünn, weil nicht mehr in meiner Stimme steckt.
„Jeder Mensch ist allein, Henri. Jeder ist allein. Aber ich sehe das nicht als etwas Schlechtes. Es ist eher so: Während ich die Farbe dieses Himmels sehe, so, wie sie sich in mir anfühlt, siehst du dieselbe Farbe am Himmel und fühlst etwas völlig anderes. Aber wir haben gelernt, dass diese beiden unterschiedlichen Gefühle, von denen jeder von uns wahrscheinlich nur eines kennt, für die Farbe dieses Himmels stehen. Verstehst du? Wir sind gemeinsam allein. Die Frage ist: Was machen wir daraus?“
Ich schaue zum Himmel, strecke meine Hand aus, um ihn anzufassen und nehme ein Stück davon ab. Gemeinsam allein. Es klingt logisch. Aber nicht so, als sei es eine universelle Wahrheit. Eher eine sehr persönliche. Ich lasse den Himmel fallen und gehe zum Karren. Wir werden ihn aus dem Dreck ziehen müssen. Der Mann von weit her lächelt mich an. In der Hand hat er einen Monolog, den er nun zwischen zwei Dispute auf die Ladefläche gleiten lässt.
Mir fällt auf, dass eine der drei Lügen darauf verschwunden ist.

Während wir weiterziehen, denke ich an Mos. Er ist mir jetzt näher. Das spüre ich.
Nach und nach tröpfeln Erinnerungen an das, was ich auf GrünBlau geträumt habe, auf meinen inneren Schirm wie Regentropfen, die Punkt für Punkt ein Bild erscheinen lassen.
„Er ist außer Kontrolle“, lese ich darin. „Ich war so viel weg.“
Der Mann von weit her bleibt stehen. Ich habe ihn völlig vergessen, obwohl wir nebeneinander laufen. Er schaut mich mit einem zufriedenen Lächeln an.
„Ich wusste, dass du es kannst“, sagt er fröhlich. „Und, du hast Recht. Er ist außer Kontrolle.“
„Er hat Karl getötet.“
„Ich weiß.“
„Wer bist du?“
„Ich bin der Autor. Ich bin der, der die Geschichte erzählt. Der, der die Spur zieht. Die Linie, der man folgt.“
„Welche Geschichte?“
„Deine, Henri. Ich erzähle deine Geschichte.“
Ich muss lachen und mir fällt auf wie lange ich das nicht mehr getan habe. Es ist ein poröses Lachen. Aber es tut gut.
„Willst du mir damit sagen, dass du das alles hier gerade erfindest? Dass das alles nicht wirklich ist?“
„Nein. Das hier ist die Wirklichkeit. Das Leben wie du es siehst. Ich erfinde es nicht. Ich beobachte und interpretiere es.“
„Aber du zeichnest den Weg. Bedeutet das nicht, du könntest mich auch gleich zu Mos finden lassen? Könntest du die Geschichte nicht so schreiben?“
„Nein. So einfach ist das leider nicht. Du hast hier noch einiges zu erledigen. Du musst die Dinge noch abschließen. Verstehst du? Du musst es erst richten. Ein Kapitel folgt dem anderen. Und das Schwierigste kommt erst noch.“
„Bin ich wirklich hier?“
„Ja, Henri. Du bist hier. Und wenn du von hier fort willst, dann tue was ich dir sage. Zusammen können wir diese Geschichte beenden. Fang am besten gleich damit an. Es wird dich auf andere Gedanken bringen.“ Er reicht mir das Zuggeschirr.
Ich lege es an und beginne den Karren zu ziehen. Er ist schwerer als ich vermutet habe, obwohl jetzt nur noch eine Lüge darauf zu sehen ist.

Mos, der Dunkle und der Lenker

Mos war der Macher der Regeln und seit langem im Exil. Anfangs hatte er sich gegen die Verdrängung gewehrt, was schwer war, seit der Dunkle die Kontrolle übernommen hatte. Mos war nach und nach - kaum merklich - immer mehr in den Hintergrund gerückt. Und der Lenker, der die Mitte war – hatte aufgehört, ihm zuzuhören. Als Mos erkannte was geschah, war er schon fast verschwunden; er fiel bald nicht mehr ins Gewicht. Er machte sich Vorwürfe, weil er das triebvolle, das direkte Streben, welches dem Dunklen innewohnte, unterschätzt hatte. Der Lenker hatte seine Hilfe gebraucht. Er war weit vom Kurs abgekommen und für Mos nun nicht mehr erreichbar. Wahrscheinlich bekam er von alldem gar nichts mit. Als Mos einsah, dass er nichts tun konnte, beschloss er jeden weiteren Schaden zu vermeiden und sich vorerst freiwillig in seinen Leuchtturm zurückzuziehen und den Dunklen gewähren zu lassen. Denn ohne die Navigation des Lenkers, waren Mos’ Regeln und Werte unnütz. Er musste auf den richtigen Moment warten. Manchmal war das besser, als im Kampf gegen das Chaos den Lenker zu verlieren.
So verweilte er eine lange Zeit in seinem Turm, dessen Leuchtfeuer nun nichts mehr erhellte. Bis zum Tag, der 1984 begann.


An diesem Tag, der für den Lenker zur Unendlichkeit werden sollte, riss das Geräusch von brennendem Hass Mos aus einem traumlosen Schlaf. Zuerst konnte er nichts erkennen, denn er hatte seinen Turm schon sehr lange nicht mehr verlassen. Als er aber nach draußen blickte und sah und fühlte, was der Dunkle tat, wurde ihm bewusst, dass das Schiff sinken könnte, dass der Moment, etwas zu unternehmen eigentlich schon vorüber war. Dass es vielleicht schon zu spät war. Er nahm all seinen Mut, all seine Kraft zusammen und rief nach dem Dunklen so laut er konnte. Wie ein Donnergrollen rollten seine Worte über die weiten Ebenen ihrer leeren Seele bis in die tiefsten Abgründe. Er musste ihn erreichen und zur Besinnung bringen. Er wollte ihn überzeugen, ihm befehlen aufzuhören!
Aber der Dunkle und Mos waren vor Urzeiten aus einem Stück gemacht worden. Wie zwei gleiche Pole stießen sie sich voneinander ab. So konnte Mos ohne den Lenker den Dunklen nicht erreichen. Seine Worte brauchten den Kanal des Lenkers, seine Ordnung und Vermittlung. Alles was Mos schrie wurde sofort vom Chaos verdreht und für den Dunklen gefährlich gemacht.
ZU! DAS DAS DU MONSTER!
MONSTENICHT ZR AS GRENZE MIR! ÜBERSCHREITEST
TU HÖR! TÖTEN
ALLER WIRST Es war sinnlos, Er suchte noch einmal nach dem Lenker, konnte ihn aber nicht finden. ERSTÖREN!! DU BIST ES
DMIR Er ist weit weg, dachte Mos; in einer seiner Fantasiewelten; besoffen oder stoned.! , WIRST DU: DU WIRST FÜR, DU IN DI ESEM MOM ENT Der Dunkle war kurz davor sie alle zu vernichten. IMMERTRIEBÜBERSCHREITENICHT! SEIN Mos schrie weiter HÖR!, er flehte und bettelte, und hatte auch für einen GRENZeMoment das Gefühl, er könne den Dunklen erreichen.
HÖR ZU!! DU U NSER DU DIESE ENT SEIN VERROTTEN WIRST: WENN
Aber dann geschah draußen etwas Verlierer! Verlierer, das Mos nicht verstand und der Dunkle, der Unmittelbare, tat das, was LEBEN seiner Natur entsprach, was für ihn das TÖTeinzig Richtige war. Er tat das, was Mos schließlich dazu zwang zu gehen: Er tötete einen Menschen.


Ein Donnern

Über die unendlich monotone Hügellandschaft, die sich in jede Richtung bis zum Horizont erstreckt, über die wir seit Jahren unseren Karren ziehen, die mich vergessen lässt um was es geht, über das Land ohne Zeit, durch seine Täler und dunklen Flüsse, rollt mit einemmal ein mächtiges Donnergrollen.
Von überall und nirgendwo her, erschüttert es den stickigen Himmel, der wie eine Kellerdecke dabei feuchten Putz verliert. Es lässt mich erzittern bis ins hohle Herz, und nistet sich darin ein, bis mein Puls ein Grollen ist und jeder Gedanke ein Blitz.
Der Autor beobachtet dies mit Faszination.
Es ist, als hätte jemand das Leben zur Droge gemacht und dir in deine erodierten Venen gespritzt, nicht wahr?
Eine längst vergessene Klarheit macht sich in mir breit. Wie flüssig gewordenes Interesse legt sie sich auf meine Synopsen, und für einen kurzen Moment – nicht länger als ein halber Gedanke – erkenne ich die Antwort, bevor sie verschwindet und einsame Fragen in der Obdachlosigkeit zurücklässt.
Als ich meiner Gewohnheit folgend sinnlos zurückfalle und auf den kalten Boden der Neuen Welt schlage, das Zuggeschirr um mich gewickelt wie ein Tefillin, ist das, was ich eben erlebt habe, nicht mehr als eine verkratzte Erinnerung. Ein Duft von früher. Aus einer wundervollen, obwohl schrecklichen, Sehnsucht erweckenden Zeit. Zurück bleibt rieselnder Putz und das Echo einer Erinnerung, eingebrannt in mein Nervensystem aus Nullen und Einsen. Das Nervensystem einer Maschine.
„Was fühlst du?“, fragt der Autor. Er lehnt am Karren. Seine Finger umspielen ein starkes Gefühl von früher. Darauf steht in brüchigen Lettern das Wort Selbstmitleid geschrieben.
Ob ich überhaupt etwas fühle ist schon schwer zu beantworten.
„Du fühlst etwas, Henri. Du musst es nur zulassen.“
„Ich fühle mich verraten“, platzt es aus mir heraus. Vielleicht diktiert er meine Gefühle. Aber wenn es so ist, dann will ich mehr, dann soll er weitermachen.
„Es war überwältigend“, sage ich mit einer Stimme, die so klar und voll ist, wie ich sie aus meinem Mund zu hören nicht gewohnt bin. Ich stehe auf und befreie mich vom Zuggeschirr, das mir, wie ich erst jetzt bemerke, beim Tragen einen merkwürdigen Halt gibt. Es erschwert mir durch seine Last das Gehen und zwingt mich so zur Entschleunigung meiner Gedanken.
„Für einen kurzen Moment habe ich gefühlt wie früher! Es war nicht das Betrachten eines Gefühls. Es war echt.“
„Wer hat dich verraten, Henri?“
„Was?“
„Du hast gesagt, du fühltest dich verraten. Wer hat dich verraten?“
„Ich weiß es nicht. Es war nur ein Gefühl. Erst war da der Donner. Und dann war er plötzlich in mir und ich war für einen Moment wieder komplett.“
„Wer hat dich verraten?“
„Es war, als hätte sich alles gegen mich verschworen.“
„Was hat sich gegen dich verschworen? Wer könnte es gewesen sein?“
„Lass es noch einmal donnern. Dann werde ich es dir bestimmt sagen können!“
„Wie kommst du darauf, dass ich das war?“
„Du bist der Autor“, sage ich. „Und ich habe das Gefühl in deiner Hand gesehen.“
„Der Donner hat mir ermöglicht, es zu verwenden. Ja. Aber geschickt hat ihn ein anderer.“
„Zu verwenden? Du verwendest meine Gefühle?“
„Nicht deine Gefühle. Einfach Gefühle. Gefühle per se.“,
„Gefühle per se? Und ich bin eine Figur? Eine Figur per se?“
„Hör zu!“, unterbricht er mich herrisch. „Solange du wieder fühlst, hast du keinen Grund dich zu beschweren, Henri. Du tust deinen Teil und ich tue meinen. Ich bin der Autor.“
Er kommt zu mir heran bis sein Gesicht nur eine Nasenlänge von meinem entfernt ist. „Hat es dir nicht gefallen?“
„Kannst du es wieder tun?“
„Vielleicht schon bald.“
Ich lasse meinen Blick über die fade Landschaft gleiten. Gefühllose Tristesse. Der Autor geht zum Wagen und ich höre klappernde Geräusche, wie aus weiter Ferne.
„Wer hat den Donner geschickt?“, frage ich. Mein Blick haftet öde am Horizont. Haftet öde per se. „Wer war der andere von dem du gesprochen hast? Der, der den Donner geschickt hat.“ Ich denke, es war Mos.
An der Stelle, wo meine Augen wie Stecknadelköpfe in einer alten Landkarte stecken, glaube ich ein kurzes Blinken in der Ferne zu sehen.
„Was wäre ich für ein Autor, wenn ich das Ende der Geschichte vorwegnehmen würde. Bis dahin muss noch einiges geschehen.“
„Wohin gehe ich?“
An der Stelle, wo es am Horizont geblinkt hat, ist nun ein dunkles Rechteck hinzugekommen.
„Dorthin!“, sagt der Autor, der jetzt plötzlich wieder neben mir steht, und auf das Rechteck zeigt.
Ich habe es geahnt. Er ganz bestimmt. Der Autor kennt den Weg. Aber er behält ihn solange wie möglich für sich, das kapiere ich. Seit Altes Ich verschwunden ist, kann ich ein bisschen klarer denken.
Mos hat den Donner geschickt. Klarheit ist Mos. Er versucht Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich kann den Gefühlen, die der Autor benutzt, nicht trauen. Trotzdem will ich sie. Ich brauche sie. Ich will wieder fühlen. Ganz egal was. Ich brauche Bezüge. Klarheit und Bezüge.
Ich gehe zum Karren und lege mir das Zuggeschirr um bevor er es tut. Es wird mir helfen zu denken.
„Gut“, sage ich, „gehen wir.“


Lügen

Mit dem Rechteck am Horizont verhält es sich wie mit allem anderen zuvor. Wir schieben es für Jahre vor uns her. Unbeirrt kämpfen wir uns vorwärts durch die Leere, immer das Ziel vor unseren Augen. Geredet wird nicht viel. Und wenn, dann ringen meine fruchtlosen Fragen nur mit den sterilen Antworten des Autors. Es kommt mir vor, als warte er auf eine bestimmte Gelegenheit, die Geschichte fortführen zu können. Auf meine Frage, warum er meine Geschichte schreibe, antwortet er schlicht, er sei der Autor.
Es klingt logisch. Ich werde ihn nicht weiter damit behelligen. Zum einen bin ich der Fragerei müde und zum anderen weiß ich, dass ich ihn brauche. Denn ohne Mos ist es schwer Dinge zu tun. Jemand muss mir den Weg zeichnen. Ich allein mache keinen Unterschied.
Meine Träume beschäftigen mich und gleiten durch meinen Kopf wie Wolken mit Bildern darin. Die Summe sind Auseinanderhänge.
Immer erscheint nur ein Bild und leuchtet auf. Ein kleiner weißer Lichtschweif, der das Bild mit einem anderen verknüpfen will, macht sich auf den Weg. Aber wenn er sein Ziel erreicht, erlischt das Ausgangsbild und ich kann mit der gewonnen Erkenntnis nichts mehr anfangen.
Mit den Mantras zum Vergessen trainiert der Lentor diese Fähigkeit zur „Aufhebung von Ursache und Wirkung“, wie er es nennt. Es lässt ihn ruhig werden und macht gleich.
Altes Ich hat erzählt, in der Alten Welt gleiche nichts dem anderen. Alle Dinge seien für jeden anders. Zum Beispiel Wolken. Ich glaube, in der Alten Welt schiebt man nichts vor sich her wenn man läuft. Und leer ist dort auch nichts. Wenn alles für jeden anders ist, dann muss es von allem sehr viel geben.
Aber hier besänftigt die Monotonie mein Sein. Der Karren bremst meine Gedanken. Ich ziehe des Ziehens wegen. Brauner Staub unter meinen Füßen wirbelt in kleinen Wölkchen auf, ohne Bilder darin. Jeder Schritt vergisst den vorherigen. In jedem Moment steckt der Schritt.
Dann der Schritt ins Leere.
Ich falle, schlage mit dem Rücken gegen eine Kante. Dann mit dem Kopf. Gelenke krachen. Ein heller Schmerz durchfährt mich. Mein Aufheulen wird vom Himmel reflektiert, so dass ich es gut hören kann. Der Fall ist unendlich, denn der Tag ist unendlich - bis das Zuggeschirr sich mit dem Knall einer Peitsche spannt und meinen Brustkorb nach oben reißt. Die hölzerne Melodie meiner knackenden Rippen verklingt nur langsam als Echo zwischen den Wänden der Felsspalte, in der ich hänge.
Ich schaue nach oben so gut es geht. Der Karren, an dem ich hin und her pendele wie ein baumelnder Faden Rotz, ist zur Hälfte über die Spalte gerutscht. Ein Rad ist davor, das andere dahinter zum Stehen gekommen. Die Achse knirscht am Abbruch und lässt Dreck auf meinen Kopf rieseln. Ein paar Jammereien rutschen von der Ladefläche und fallen an mir vorbei in die Tiefe, wie es unliebsame Erinnerungen gerne tun. Mein Schritt wird warm und nass. Urin läuft an meinen Beinen herunter und füllt meine Schuhe, kurz bevor die Kiste mit GrünBlau vom Karren rutscht und mich mit einem dumpfen Schlag am Hinterkopf trifft, und mich von dieser lächerlichen Situation, die am Ende doch nur eine von vielen ist, erlöst.

Ein Rufen kommt vom Himmel herunter geflattert wie Motten. Ich bin ganz ruhig, noch versunken.
Wieder das Rufen. Es flattert hektisch.
„Henri!“, flüstert es. „Henri, wach auf!“
Als meine Augen es endlich schaffen zu fokussieren, sind die Motten verschwunden. Nun ist es der Autor, der mir hastige Worte auf den Kopf prasseln lässt, wo sie an der kleinen Attraktion, die sich dort oben eingerichtet hat, kleben bleiben, um sich langsam in Schorf zu verwandeln. Unter mir ist kein Boden zu sehen. Die gegenüber liegende Wand ist nicht weit entfernt, aber unerreichbar. Das Zuggeschirr hat sich fest um meinen Oberkörper gezogen, so dass ich meine Arme nicht mehr spüren kann. Sie baumeln herab wie bei einer Marionette.
„Henri!“, höre ich es wieder rufen. „Sag was! Henri!“
„Ja“, keucht es aus mir heraus.
„Henri? Wie geht es dir? Schaffst du es nach oben zu klettern?“
Niemals. Niemals schaffe ich das. Ohne Mos ist es schwer etwas zu schaffen.
„Niemals“, lächle ich. Lass mich einfach hängen. Ich schließe die Augen. Wo bleibt die nächste Kiste?
„Hör zu, Henri! Ich kann dich sehen. Wir schaffen das! Ich hol dich da raus! Mir fällt schon was ein, vertrau mir!“
„Ja“, sage ich, um diesem Gespräch ein Ende zu machen.
Der Wille ohne Mos ist belanglos.

Schwebend gleiten meine Gedanken hinüber in die Dämmerung. Wo Menschen ohne Gesichter leise flüstern. Ich bewege mich zwischen ihnen umher, versuche mit ihnen zu sprechen, sie zu berühren, nur einen Augenblick Kontakt zu erhaschen, einzutauchen in die Gemeinsamkeit. Aber so sehr ich es auch versuche, immer gleiten sie an mir vorüber. Gruppen drängen bei meiner Ankunft auseinander, stoßen mich ab, und schauen gesichtslos an mir vorbei. Doch nach einer Weile löst sich ein Traum von mir, schiebt sich durch die schwebende Masse zur gegenüberliegenden Felswand und klettert an ihr empor. Behände hüpft er von Vorsprung zu Vorsprung und schwingt sanft über die Kante nach oben. In mächtigen Sprüngen fliegt er über das Land, durchhüpft die Neue Welt in ein paar Sätzen und ist schon bald bei den Dunklen Fabriken angekommen, wo Mos ihn in die Arme schließt und vielleicht eine Wolke aus ihm macht. Mit Bildern darin.


Ein Ruck befördert mich zurück in die Spalte.
„Ich habe eine Idee.“, höre ich den Autor rufen.
Er scheint auf den Karren geklettert zu sein. Sand rieselt auf meinen Kopf.
„Unter dir ist ein kleiner Vorsprung.“
Ich kann ihn nicht sehen.
„Pass auf! Ich werde die letzte große Lüge herunter lassen und sie auf den Vorsprung stellen. Dann kann ich sie zur anderen Seite kippen. Dass sollte von der Entfernung her gehen!“
Ich höre ihn mit etwas hantieren, wodurch ich langsam hin und her schwinge.
„Ich bleibe auf dem Karren, damit er mehr Gewicht hält. Pass auf! Ich lasse sie jetzt links hinter dir herunter.“
Der Karren knarrt unter der Last des Autors, als er die Lüge herablässt. Das Geräusch von Holz auf Stein hinter mir. Ich schwinge ausladender und das Geschirr nimmt mir die Luft.
Ich denke an Mos und Altes Ich. Wie waren wir gemeinsam in der Alten Welt?
„Ich stoße sie jetzt rüber, Henri. Achtung!“
Die letzte der drei großen Lügen kippt an mir vorbei. Ein Teil von mir hofft, sie ist nicht groß genug. Dann bleibe ich einfach hier hängen. Aber sie ist es. Sie schlägt auf der gegenüberliegenden Kante dumpf auf, hüpft noch einmal nach oben, zittert in der Luft und kommt schließlich zum Liegen.
„Henri! Ich werde dich jetzt ein Stück nach links schwingen und im richtigen Moment das Geschirr abschneiden. Du musst versuchen auf die Lüge zu springen!“
Ich denke an Mos. Die Aussicht darauf, ihn doch noch zu finden, gibt mir noch Kraft. Ich muss es versuchen, immer wieder.
Ich pendele erst nach rechts, dann nach links. Ein zweites Mal nach rechts. Als ich den höchsten Punkt auf der linken Seite erreiche, zerschneidet der Autor das Geschirr. Ich falle länger als nötig. Aber dann habe ich die Lüge unter meinen Füßen. Schwankend, mit tauben Armen schaffe ich es zur anderen Seite der Spalte zu klettern. Meinem Traum hinterher. Der Autor lacht und jubelt auf der anderen Seite.
„Henri! Henri! Wir haben es geschafft! Du hast es geschafft!“
Er nimmt Anlauf und springt über die Spalte.
„Gott sei Dank!“, lächelt er mich an und umarmt mich. „Was hätte ich nur ohne dich getan?“
„Danke.“
Das vertraute Gefühl kehrt zurück. Vielleicht habe ich doch noch einen Verbündeten in der Neuen Welt.


Lucky Liquor

Als wir den Teil der Neuen Welt betreten, den der Autor die Entscheidungsebene nennt, ist das blinkende Rechteck vor uns zu einem flachen Gebäude geworden auf dessen Dach - kaum zu erkennen - ein bunter Schriftzug leuchtet. Noch zweimal Rasten und wir sind da.
Auf unserer gemeinsamen Reise haben wir die in schmutzige Watte gepackten Hügel hinter uns gelassen, und so stetig einen Keil zwischen den tief hängenden Himmel und das Land getrieben, und so diese Gegend geformt, wo die Landschaft in geisterhaft grünes Licht getaucht ist, als stünde ein Gewitter bevor, und der Himmel so hoch thront, dass ich ihn nicht mehr anfassen kann, was mir Angst macht, die mir Freude bereitet.
Seit meinem Sturz in die Spalte hat sich etwas verändert. Mein Traum hat es geschafft, zu Mos zu gelangen. Der Autor sagt, das sei ein Zeichen. Ich soll durchhalten.

Und dann sind wir da, stehen direkt davor. Das Rechteck ist zu einem alten Gebäude geworden, dessen Rückseite sich im Sand einer anschleichenden Wüste verkriecht wie eine Falle. Über dem Eingang lockt der flackernde Schriftzug mit „Lucky Liquor“.
Als ich mich umdrehe ist der Autor verschwunden. Einzig ein schwacher Wind streift über das Land. Ich schaue in die Ferne aus der wir gekommen sind. Die weite Steppe ist nun nicht mehr als ein Bild in meiner Erinnerung.
„Autor!“, rufe ich nur einen Meter weit, bevor meine Stimme sich in der Leere verhakt. Nichts.
Angespannt gehe ich zur Pforte, lege meine Hand auf die knorrige Holzklinke und drücke nach unten. Als der Riegel sich löst, springt die unter Spannung stehende Tür ein Stück auf und gibt modrige Luft aus dem Inneren frei. Es ist dunkel als ich eintrete und meine Augen benötigen einige Zeit bis sie die vor mir liegende Szenerie zu entschlüsseln vermögen. An der Theke, welche ich als eine der drei großen Lügen wieder erkenne, sitzt, mit dem Rücken zu mir, Altes Ich über ein Glas GrünBlau gebeugt. Links und rechts von ihm sitzen andere Alte Ichs. Ich weiß es, denn keiner von ihnen hat mehr einen Namen. Der Barkeeper aus meinem Traum poliert stumm seine Gläser. Nur Johnny Cash ist mit „If You Could Read My Mind“ zu hören. Ein paar Gäste ohne Gesichter hängen in den Bänken im Halbdunkel des hinteren Raumes. Es riecht nach Versagen.
Von Angst und Zweifeln gebremst gehe ich auf Altes Ich zu. Ich habe – wenn ich ehrlich zu mir bin – nicht mehr mit ihm gerechnet oder – vielleicht auch gehofft, ihn nicht mehr wieder sehen zu müssen. Er hat mich noch nicht bemerkt. Auch die anderen Alten Ichs scheinen keine Notiz von mir zu nehmen. Oder wollen es nicht. Tausend Szenarien rauschen durch meinen Kopf. Was soll ich zu ihm sagen? Wie soll ich es ihm erklären. Diese Abneigung gegen ihn, die sich wie ein Bakterium in meinen Körper eingeschlichen und ausgebreitet hat. Mein Misstrauen. Er ist schon zu weit von mir entfernt, als dass er mich verstehen könnte.
Als ich mich nach einer langen Zeit endlich überwinde und ihm gerade auf die Schulter tippen will, fällt mir eine Gestalt im hinteren Teil des Raumes auf. Sie steht neben einem Durchgang zur Rückseite des Gebäudes an die Wand gelehnt und beobachtet die Situation. Ihr Gesicht verschwindet im Schatten einer Kapuze. Dann verschwindet sie in den rückwärtigen Teil des Gebäudes.
Erleichtert meine Begegnung mit Altes Ich aufschieben zu können, trete ich lautlos zurück und gleite der Gestalt hinterher in den rückwärtigen Teil des Gebäudes. Die Köpfe der anderen hängen weiter teilnahmslos über den grünblau schimmernden Gläsern mit Wahrheit darin.
Ich folge dem Kapuzenträger in einen von schwachen Funzeln beleuchteten Gang. Am Ende des Ganges befinden sich zwei Türen. Auf jeder zeigt sich ein Symbol. Das eine stellt eine Frau dar, nur durch den stilisierten Rock zu erkennen. Auf dem anderen ist ein Mann abgebildet. Toiletten.
Ich öffne für Männer und trete ein in ein stinkendes Klo. Zwischen zwei am Boden zerbrochenen Pissoirs steht an die Wand gelehnt die geheimnisvolle Gestalt, ihr Gesicht noch immer im Dunkel der Kapuze verborgen. Als ich näher komme streift sie sie ab. Düster und mit zornig funkelnden Augen schaut der Lentor mich an.

„Du gefährdest die Gleichheit.“
Seine ruhige Stimme hat nichts mit dem zornigen Funkeln seiner Augen gemein. Ich mache keinen weiteren Schritt.
„Ich wollte dich nicht verärgern, Lentor“, haucht es brüchig aus mir heraus. „Altes Ich…“
„Sei still, Henri!“, faucht er mich an. „Er hat dich noch nicht bemerkt. Du kommst mit mir zurück in die Verschlossenen Räume bevor du alles zerstörst wofür wir so lange gearbeitet haben.“
„Das kann ich nicht!“, sage ich lauter als gewollt. „Ich muss zu Mos und herausfinden was mit mir passiert ist. Ich will nicht wie du werden. Ich will nicht gleich sein!“
Der Lentor stutzt. Er weiß nicht, dass ich weiß.
„Das ist sehr bedauerlich, Henri. Aber selbst wenn du wolltest: Du kannst nicht wie ich werden. Nicht mehr. Du hast Karl getötet. Du hast die Gleichheit bedroht.“
„Ich habe Karl nicht getötet!“, erwidere ich. „Altes Ich hat das getan.“
„Nein, Henri. Ich wollte euch trennen, weißt du noch? In den Verschlossenen Räumen, wo es sicher gewesen wäre. Aber dein Wimmern hat es verhindert. Ich konnte das Band zwischen euch nicht zerschneiden. Ihr wart noch immer eins. Auch wenn du es nicht verstehen magst, du hast Karl getötet.“
Der stinkende Raum rotiert im Schwindel um meinen Kopf herum. Meine Gedanken wandern zur blutigen Attraktion auf Karls Walrossschädel. Ein kleiner Jahrmarkt hat dort seine Zelte aufgeschlagen und zelebriert das nun mir zugeschriebene Handwerk. Mord nannte man es in der Alten Welt. Gedankenfetzen rasen auf der Suche nach einem Fluchtweg wild umher, versuchen Halt zu finden im freien Fall. Ich bin Henri! Er hat keinen Namen mehr. Ich bin nicht er!
Altes Ich ist außer Kontrolle, nicht ich. Das hat Mos gesagt. Der Autor hat ihn deswegen fortgehen lassen. Er wusste, dass es noch nicht zu spät war. Ich bin nicht schuld. Ich bin Henri!
Ich bin so sicher wie seit langem nicht mehr und nehme all meinen Mut zusammen.
„Das kann nicht sein, Lentor“ Ich mache einen Schritt auf ihn zu. „Der Autor hat ihn gehen lassen. Er hat gewusst, dass wir nicht mehr zusammen gehören. Ich bin nicht mehr mein Altes Ich. Ich bin Henri.“
Der Lentor wird aschfahl.
„Wo ist er?“, flüstert er.
„Er hat mich hierher geführt.“
Der Blick des Lentors huscht im Raum herum, als erwarte er den Autor jeden Moment aus einer der Klokabinen hervorspringen zu sehen. Die Situation hat sich geändert. Der Autor ist mächtig.
„Wo ist er?“ brennt es den Lentor zu wissen, der schon auf dem Weg zur Tür ist und die Kapuze wieder über den Kopf legt um sein Gesicht in Schatten zu hüllen.
„Er ist verschwunden, als wir hier angekommen sind.“
„Nein. Er ist noch hier.“
„Woher weißt du das?“
„Weil du hier bist, Henri. Verstehst du nicht?“ Nein. „Er benutzt dich. Er ist kein Lentor, er ist nicht gleich. Er ist aus der Alten Welt, er muss wachsen und ist nur auf seinen Vorteil bedacht. Am Ende wird er dich schlachten und alles vernichten.“ Er dreht sich um und verlässt lautlos den verwesenden Raum. Zurück bleibt nichts als Scheiße.
Der Schock über das eben Gehörte braucht eine gewisse Zeit um in alle Glieder zu fahren.
Ist es das, was die Entscheidungsebene für mich bereithält?
Bin ich den endlosen Weg der Verzweiflung gegangen um statt Mos den Tod zu finden? Bin ich vielleicht schon tot? Der Lentor ist es, hat Altes Ich oft gesagt. Aber das war nicht wörtlich gemeint, oder? Nein, es ist nur das Leben ohne Mos. Ohne Willen. Ohne Zeit. Nur die Neue Welt. Nicht der Tod. Keine Erleichterung.
Nein, der Lentor hat Unrecht. Der Autor macht ihm Angst, weil er nicht gleich ist. Weil er über den Dingen steht. Aber warum hat er mich hierher geführt zu Altes Ich und dem Lentor, und nicht zu den Dunklen Fabriken, zu Mos?
Ich soll auf mich vertrauen, hat er gesagt. Meinen Träumen folgen. Aber meine Träume sind Mos und ich kann ihn nicht finden. „Dein Altes Ich ist außer Kontrolle“, hat Mos gesagt, „Mörder“, die nackte Frau.
Die Gewissheit, welche sich in mir ausbreiten will, wird gebremst von zähem Zweifel, der die Wahrheit wie ein Bernstein umgibt. Ich betrachte das Schmuckstück verträumt bis mein Blick es durchdringt und erschrickt. Ich muss mich mir stellen. Ich muss mich Altes Ich stellen.
Benommen öffne ich die Tür und stehe wieder im schummerigen Gang. Meine Angst vor Altes Ich ist noch einmal gewachsen, denn meine Gewissheit ist ein guter Dünger. Die Angst per se wächst über sich hinaus.
Aus dem Vorraum des Lucky Liquors tropft weiter Johnny Cash. Ich balle die Fäuste, mache einen Schritt und bleibe wieder stehen. Etwas lässt mich zögern, schreibt meinen Weg um. Dann ein Geräusch hinter der Tür mit dem Frauensymbol. Mit einem leisen Quietschen hat sie sich einen Spalt weit geöffnet. Der betörende Geruch von Parfüm und Pisse greift nach meinem Nacken und zieht mich langsam in den warmen, feuchten Raum hinein. An der gegenüber liegenden Wand, hinter zwei braun angelaufenen Waschbecken, über einem rostigen Heizkörper zeichnet sich vor einem sakral wirkenden Buntglasfenster die Silhouette des Autors ab; der Mann von weit her. Hinter mir schließt sich die Tür.
Mit einem einnehmenden Lächeln und zur Umarmung ausgebreiteten Armen begrüßte er mich:
„Hallo Henri, da bist du ja.“
Ich ignoriere die unangebrachte Geste - obwohl ich hier in der Neuen Welt kaum etwas mehr brauchen könnte, als die Umarmung eines Freundes - und lehne mich an das schmutzige Porzellan. Die Erleichterung darüber den Autor zu sehen mischt sich mit dem Zorn meiner Verunsicherung.
„Willst du mich nicht begrüßen, Henri? Oder redest du nicht mehr mit mir?“
„Wo warst du?“, frage ich ruhig.
„Ich hatte etwas zu erledigen. An einem anderen Ort.“
„Warum hast du nichts gesagt? Altes Ich ist hier! Und der Lentor!“
„Es tut mir leid, Henri. Es tut mir wirklich sehr leid.“ Sein Lächeln ist einer schuldbewussten Mine gewichen. „Aber ich wusste, dass du ohne mich gut zurecht kommen würdest. Und es ist ja auch noch nichts Schlimmes geschehen?“
Trübes Licht fällt durch das Buntglasfenster in den Raum und macht die fleischliche von Körperflüssigkeiten geschwängerte Luft in pulsierenden Formen sichtbar. Was ist schon wirklich schlimm?
„Der Erste Lentor sucht dich“, murmle ich. Mein Blick haftet leer am bunten Teint des Toilettengeruchs. „Und vorne sitzt Altes Ich an der Theke.“
„Das weiß ich doch“, lächelt der Autor mich an. „Aber alles zu seiner Zeit. Vorher möchte ich dir noch etwas zeigen.“
Dabei macht er einen Schritt auf eine der Klokabinen zu und drückt die Tür nach innen auf.
Auf der Schüssel ohne Brille sitzt, mit den verdrehten Gliedmaßen einer weggeworfenen Marionette, nackt und weiß und blau, die Frau aus meinem Traum. Die Frau vom Grund des Flusses.
Wasser tropft von ihrem Körper und den langen Haaren und vermischt sich mit Blut und Pisse am glitschigen Boden. Ihr Anblick lässt Anmut und Ekel Hand in Hand flanieren. Wie eine Wassernymphe thront sie auf dem Fels aus Emaille. Der Körper eine einzige Attraktion, bereit für den Einzug in die Manege zusammen mit Karl dem gutmütigen Walross. Es ist die Frau vom Beckenrand. So hast du deinen Mos verloren.
„Wer ist sie?“, drängt es mich zu wissen. Ihre Schönheit von einst trotz der grotesken Stellung, die sie eingenommen hat.
„Ihr Name ist Sonja“, antwortet der Autor und streift ihr liebevoll eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Blaue Augen starren leer zum verpissten Boden. „Dein Altes Ich hat sie gekannt. In der Alten Welt.“
Eine schreckliche Ahnung überkommt mich und schnürt langsam meinen Hals zu. Zu langsam - in anbetracht der blitzartigen Erkenntnis, die mich Spaltet wie einen morschen Baum.
„Er hat sie getötet.“
„Ja, Henri. Das hat er.“
„Ist das der Grund warum ich hier bin, in der Neuen Welt?“
„Ja. Das ist der Grund. Er hat dich dazu gezwungen. Du konntest nichts dafür. Er hat sich von dir gelöst und sich entwickelt. Zu einem Monster. Du hast es einfach nicht bemerkt.“
„Und Mos? Warum hat er nichts getan?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er dich im Stich gelassen. Aber jetzt ist nicht die Zeit um an Mos zu denken, Henri. Du musst dich nun um dein Altes Ich kümmern.“
Dabei zieht er einen Gegenstand aus der Tasche, die er über seiner Schulter trägt. Erst denke ich, es sei ein weiteres altes Wimmern oder vielleicht ein dreckiger Disput mit dem ich Altes Ich zur Rede stellen kann.
Aber als er ihn mir in die Hand drückt, schwer und kühl, und das bunte Licht darauf fällt, wird mir mit einemmal klar, was der Autor von mir verlangt. In meiner Hand liegt, mit Sandelholzgriffen beschlagen, ein mächtiger Revolver.


Revolver hoch, Revolver runter

Als ich den Schankraum das zweite Mal betrete, ist die Situation noch immer dieselbe: Altes Ich sitzt über sein Glas gebeugt am Tresen, neben ihm andere Alte Ichs. In dunklen Ecken hängen Ausweglose herum. Meine Knie schlottern, aber der Revolver liegt schwer in meiner Hand, so dass ich mich daran festhalten kann. Der Autor folgt mir und zeichnet meinen Weg. Ich muss über das, was ich tun soll, nicht nachdenken. Ich weiß jetzt was das Richtige ist. Altes Ich hat sie beide getötet. Die junge Frau, Sonja, und Karl, das gutmütige Walross. Er ist schuld daran, dass Mos verschwunden ist. Er trägt die Verantwortung für den ewigen Tag und alle Grausamkeiten, welche dieser für mich bereithält. Ich muss ihn beseitigen, ihn auslöschen. Nur so kann ich endlich wieder zu Mos gelangen.
Ich trete um den Tresen herum und von hinten an Altes Ich heran. Der Revolver liegt schwer in meiner Hand. Ich spanne den Hahn. Das Klicken lässt Altes Ich aufhorchen und er dreht sich schwerfällig zu mir um. Auch die anderen Alten Ichs heben ihre Köpfe und schauen mich an.
„Henri?“, fragt er ungläubig, und sein Blick fällt auf den Revolver in meiner Hand, der dort warm und gewiss ruht. Ruhig hebe ich ihn auf Augenhöhe und ziele meinem Alten Ich ins Gesicht.
„Was soll das?“, fragt er gefasst, beinahe belustigt. Sein Blick wandert zwischen der Mündung des Revolvers und mir hin und her. Die anderen Alten Ichs rücken irritiert zur Seite.
„Man kann sein Altes Ich nicht einfach erschießen, Henri“, lässt er mich auf seine kalte und überhebliche Art wissen.
„Du bist außer Kontrolle, Altes Ich. Du hast mich belogen, du hast gemordet, du bist nicht wie ich.“
Ich drücke ihm den Lauf des Revolvers, des Friedensstifters, der mich stark macht, zwischen die Augen, die so blau sind wie meine, und böse.
Er widerspricht mir nicht.
„Ich kann dich nicht erschießen? Aber du hast mein Leben zerstört! Du bist schuld daran, dass ich hier bin, in der Neuen Welt. Ohne Gefühle und Fantasie!
Was ist mit den Wolken, Altes Ich? Was ist mit dem Dach unseres Hauses, von dem du so gerne gesprochen hast? Die Wolken mit Bildern darin? Warum hast du das alles zerstört?“ Ich schreie. „Du hast gesagt, wir hätten es geliebt! Warum hast du alles zerstört was wir geliebt haben?“
„Du hast es geliebt, Henri!“, erwidert er und steht von seinem Barhocker auf. Die Mündung des Revolvers noch immer zwischen die Augen gepresst, drückt er mich einen Schritt nach hinten. „Aber ich, Henri, ich habe es gehasst!“, presst er mit schäumenden Lippen hervor. „Diese verlogene Dreckswelt. Die verlogenen Weiber. Du hast es geliebt, Henri. Weil du keine Ahnung hast!“
Er lächelt bitter und drückt mit seinem Gesicht gegen die Mündung. „Ich will doch nur geliebt werden!“, äfft er mich nach. „Du bist ein kleines, naives Arschloch! Du hast immer gemeint etwas Besonderes zu sein, hast dir nur die schönen Dinge herausgepickt und bei jedem Problem den Kopf in den Sand gesteckt. Du hast dich doch immer verpisst, wenn es schwierig wurde. Du denkst, du wärst ein bekackter Schöngeist! Aber du bist nichts als ein Feigling, Henri. Ein minderwertiger, bemitleidenswerter kleiner Fick! Das ist es was du bist! Ein armseliger Versager!“
Er hat Recht. Jegliche Entschlossenheit weicht aus mir wie ein Furz, und verwandelt sich in jämmerlichen Gestank.
„Du sprichst von dir selbst“, höre ich den Autor hinter mir sagen. „Du hast Henri fast zerstört. Du bist für die Neue Welt verantwortlich.“ Er macht eine Pause.
„Und du hast Sonja getötet.“
Vor Altes Ichs Gesicht zieht ein unbarmherziger, fieser Schleier. „Sonja“, stößt er lächelnd aus. „So hieß die also. Und wenn schon! Sie hat dich verspottet, Henri! Sie hat uns verspottet! Diese dumme Schlampe hat dich für den größten Schlappschwanz gehalten! Wegen der willst du mir ins Gesicht schießen? Dann bist du ein noch größeres Arschloch, als ich gedacht habe.“
Der Autor legt mir seine Hand auf die Schulter.
„Drück ab!“, flüstert er mir ins Ohr.
Meine Hand zittert. Ich bin so unendlich müde…
Ich drücke den Abzug einen Millimeter und warte auf den großen Knall. Doch statt des Knalls, donnert eine mächtige Stimme zum Eingang herein.
„NEIN!“, brüllt sie.

Ich lasse vor Schreck den Revolver fallen und ein Schuss löst sich beim Aufprall. Der Knall ist ohrenbetäubend, und kurz nachdem er verklungen ist, stürzt sich Altes auf mich. Wir fallen zu Boden und er landet auf mir. Sofort beginnt er mich mit seinen Fäusten zu traktieren. Er kniet sich auf meine Arme, so dass ich mich nicht schützen kann. Immer wieder boxt er mir ins Gesicht. Aber schon nach ein paar Schlägen wird es ruhiger. Ich kann sie jetzt nur noch von weitem hören. Plötzlich zischt etwas Rotes an uns vorbei und fegt Altes Ich von mir herunter in die Barhocker hinein. Ein Mantra hat ihn getroffen. Ich drehe mich auf den Bauch und krieche zum Tresen. Die Worte des Mantras schießen kreischend an mir vorbei und lähmen Altes Ich. Ich ziehe mich an der Theke hoch und drehe mich auf wackligen Beinen um. Der Lentor steht ein paar Meter entfernt und spricht das Mantra. Der Autor steht links von mir und hat jetzt den Revolver. Altes Ich liegt in das Mantra gehüllt am Boden und zuckt.
„SCHLUSS DAMIT!“ donnert es wieder.
Sofort stoppt der Lentor seine Attacke. Es wird still im Lucky Liquor. If you could read my mind.
Mos ist wieder da.

“Mos!”, schreie ich und laufe auf ihn zu, um ihn in die Arme zu schließen.
„Sei still, Henri!“, bremst er mich harsch und geht an mir vorbei auf die anderen zu. Seine Autorität ist gewaltig. Altes Ich liegt noch immer am Boden. Der Lentor starrt Mos mit offenem Mund und aufgerissenen Augen an. Mos läuft an beiden vorbei zum Autor.
„Wie konntest du es wagen!“, knurrt er ihn an. Der Autor lässt den Revolver fallen. Mos schiebt ihn mit dem Fuß nach hinten weg. Er kommt vor mir zum liegen und ich hebe ihn vorsichtig auf.
„Es war nicht anders machbar“, entgegnet der Autor. „Ich musste dich einsperren! Für die Handlung! Es war noch zu früh, um es zu Ende zu bringen!“
Ich verstehe nicht.
„Mos“, versuche ich dem Autor beizustehen, „er ist der Falsche. Altes Ich ist verantwortlich. Er hat alles zerstört. Er ist außer Kontrolle. Du selbst hast es mir doch im Traum gesagt!“
Mos dreht sich langsam zu mir um. Sein Blick gleitet weg vom Autor, verweilt in abschätzender Weise beim Lentor, würdigt Altes Ich keinen Moment und verbindet sich mit dem meinen.
Im Bruchteil einer Sekunde vereinen wir uns, Klarheit kommt wieder, Zusammenhänge finden sich, Ursache und Wirkung, Wille und Vernunft bahnen sich ihren Weg zu meinem Herz, und füllen es mit Sinn. Die Moral kehrt zurück.
Dann wird alles ganz klar. Ein Film auf meinem inneren Schirm erklärt mir die Ereignisse.
Hier stehen meine geliebten Feinde vor mir. An dem Ort, an dem alles begann. Meine Crux als Trinität.
Das warme Holz des Revolvergriffs liegt schwer in meiner Hand. Ich kann es nun zu Ende bringen.
„Töte ihn!“, sagt der Lentor mit besänftigender Stimme.
„Drück ab!“, zischt der Autor.
Ich hebe den Revolver und ziele auf mein Altes Ich.
Aber man kann sein Altes Ich nicht töten, höre ich Mos hinter meiner Stirn. Niemand kann das. Er gehört zu dir. Er ist die Anarchie, der Trieb, der gelenkt werden muss, dein tiefstes Verlangen, deine Abgründe und Leiden. Wir brauchen ihn.
Ich senke den Revolver.
Der Lentor beginnt ein weiteres Mantra zu sprechen, um es selbst zu Ende zu bringen.
Das darfst du nicht zulassen, Henri.
Ich hebe den Revolver erneut und ziele auf den Lentor.
Nicht so! Auch er ist ein Teil von dir, Henri. Er ist der Stillstand, die Apathie. Aber auch die Ruhe und dein zu Hause. Er ist gerecht und sorgt für Ausgleich wie ein Vater.
„Hör auf damit“, herrsche ich den Lentor an und mache einen drohenden Schritt auf ihn zu. Noch ein paar rote Silben verlassen seinen Mund. Dann wird es wieder still im Lucky Liquor.
If you could read my mind.
Und Altes Ich am Boden vor dem Tresen.
“Autor, sag du mir was dies alles zu bedeuten hat! Was hast du mit all dem zu tun? Warum hast du mich hierher geführt?“
„Damit du dein Altes Ich erschießt“, entgegnet er trocken.
Ich mache einen Schritt über Altes Ich, der noch immer am Boden liegt, hinweg und gehe auf den Autor zu, den einzigen Mann von weit her. Ich presse den Revolver von unten gegen sein Kinn.
„Was hast du vor?“, flüstere ich. „Mein Freund.“
„Vertraue mir bitte, Henri. Hör auf mich. Du musst dich von ihm lösen. Nimm den Revolver und töte ihn. Töte deine Vergangenheit und mache endlich reinen Tisch.“
„ICH TÖTE DICH, WENN DU MIR NICHT ENDLICH SAGST, WAS DU VOR HAST? Ich spanne den Hahn. „WARUM DAS ALLES?“
„SIE WAR MEINE FRAU!“, schreit der Autor und beginnt zu weinen. Bitter. Er fällt schluchzend zu Boden, aber mein Revolver folgt ihm. „Er hat meine Sonja getötet, er hat sie mir genommen. Es ist nur gerecht, wenn er dafür stirbt.“
Ich schaue Altes Ich an. Aber er hat nicht mehr als ein verächtliches Lächeln für uns übrig.
„Nein, Henri, er lügt“, schneidet der Lentor die Szene. „Er will diese Geschichte. Das ist alles.“
„HALT DEIN VERDAMMTES MAUL!“, schreit der Autor ihn an.
Er braucht deine Geschichte, klingt Mos hinter meiner Stirn.
„Er braucht die Geschichte!“, erklärt der Lentor aufgekratzt. „Und du bist sein tragischer Held, der einen Teil von sich töten soll.“
Aber damit wärst auch du verschwunden, Henri. Und ich. Wir drei wären verschwunden. Wir gehören zusammen und können nicht ohne einander. Der Lentor ist die neue Welt. Du hast ihn erschaffen. Er ist gleich. Er bleibt hier. Aber du, ich und Altes Ich sind untrennbar. Wir müssen zusammen zurück - in die Alte Welt.
In die Alte Welt? Dort nannten sie es Mord.
Altes Ich hat sich ein Glas GrünBlau vom Tresen genommen und trinkt es hastig aus. Der Lentor steht still und wartet, während der Autor am Boden liegt und weint.
Mit Mos ist es einfach, die Dinge zu verstehen.
Hier sind sie.
Die Anarchie. Die Gleichheit. Die Moral.
Und ein Mann ohne Seele – ein Mann von weit her.
Die Moral ist zurück. Sie zeichnet nun wieder meinen Weg. Mos ist der Macher. Und ich zahle die Rechnung.
Geh’ zu den Dunklen Fabriken, Mos. Dort befindet sich ein Traum von mir. Vereine dich mit ihm und stelle Wolken her. Mit Bildern darin.
Ich hebe den Revolver und lächle, als die kühle Mündung meine Schläfe küsst.



Diese Band...
wird dich zermalmen!

https://soundcloud.com/das-wort



Samstag, 12. Juli 2014
Das Wort
Hip Hop mit Bezug zur Literatur von Dan Tice & Mr. Kramer.

https://soundcloud.com/das-wort



Mittwoch, 25. Juni 2014
Rapmusik mit Bezug zur Literatur
https://soundcloud.com/mohnomohn/sets/druff-gesch



Dienstag, 13. Mai 2014
Rap Musik mit Herz!
Die gibt es! Und zwar hier:

https://soundcloud.com/mohnomohn/medizin



Freitag, 7. Februar 2014
Der kleine Paragraph
Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Land, dort lebten mehr Gesetze, Verordnungen und Paragraphen, als in allen anderen Ländern zugleich. Es waren so viele, dass es überall ganz eng wurde und alle sich verhakten, in die Quere kamen und miteinander stritten. An jeder Ecke gab es Rangeleien, Streitereien und Widersprüche. Häuser, Parks und Straßen waren vollgestopft mit Regeln, Verboten und Erlässen und man wusste gar nicht, wo man hingehen sollte, um ein bisschen Ruhe zu finden.
In diesem Land lebte ein unscheinbarer Paragraph. Seine Arbeit lag tief in einem umstrittenen Gesetz, wo er als kleiner Zusatz am Rande sein Dasein fristete. Jeden Tag - besonders wenn er angewendet wurde – fragte er sich, welchen Sinn sein Leben habe. Er war ja nur ein kleines Rädchen im automatischen Getriebe eines unwichtigen Gesetzes, kein Angestellter der Menschenrechte, der Verfassung oder zumindest des Sozialgesetzbuches. Sein Arbeitgeber war ein unfreundlicher, pedantischer und verbitterter, alter Geselle. Miesepetrig und ungeheuer geizig gönnte er keiner Seele etwas und dudelte nicht das geringste Baumelnlassen derselbigen. Jeden Tag zwang er den kleinen Paragraphen hart durchzugreifen, auch wenn es sich um ein nur ganz kleines Vergehen gehandelt hatte und niemand dabei zu Schaden gekommen war. Das machte den Paragraphen traurig. Denn es tat ihm leid, so kleinkariert und engstirnig sein zu müssen und keinem damit etwas Gutes zu tun. Denn sollten Gesetze nicht genau das tun: Etwas Gutes?
Wenn es Nacht wurde und das Gesetzbuch geschlossen war, klebte der kleine Paragraph oft grübelnd im Dunkeln zwischen den Seiten und dachte über sein Leben nach. Er fühlte, dass er zu mehr berufen war, als hier zu haften und sinnlos Schwierigkeiten zu machen. Viel lieber wollte er Menschen Freude bereiten und helfen wo er konnte. So lag er Nacht für Nacht zwischen den Seiten und dachte nach, bis er irgendwann, müde und erschöpft vom traurig sein, einschlief.
Schließlich aber, in einer ausgesprochen dunklen Nacht, nach einem Tag, an dem er viele Menschen hatte unglücklich machen müssen, dachte der Paragraph so intensiv über sein Leben nach, wie noch nie zuvor. Er grübelte so lange und ausgiebig, dass er davon zunächst verzweifelt und krumm wurde wie ein Fragezeichen in Sütterlin, sich dann aber, nach weiteren eingehenden Überlegungen, reckte und streckte bis er ganz aufrecht und zuversichtlich am Papier klebte, sich abhebend wie Blindenschrift. Da bemerkte er, dass der kleine offene Bogen, sein oberer Schwung sich vom Papier gelöst hatte. Er konnte es nicht glauben und zappelte und rüttelte so fest er nur konnte und wurde ganz wütend wegen dieses verlogenen Gesetzbuchs, das ihn festhielt, das sein ganzes Leben sein wollte. Und mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schaffte er es schließlich sich aufzubäumen und nach und nach, mit größter Anstrengung, loszureißen.
Als er zwischen den Seiten nach unten rutschte, bemerkte er, dass ein Teil von ihm abgebrochen und zurückgeblieben war. Ein Teil von ihm (der untere Bogen) würde für immer in diesem Gesetz gefangen bleiben, was ihn sehr traurig machte. Aber er fühlte sich auch leichter und beschwingter als zuvor, als hätte er einen großen Ballast abgeworfen. Er hatte seine Symmetrie verloren. So purzelte er als kleiner Paragraphenstummel aus dem Betäubungsmittelgesetz, fiel auf einen Schreibtisch und machte sich so schnell er nur konnte aus dem Staub.

Für eine gewisse Zeit reiste er als Tippfehler auf den schönsten und elegantesten Briefpapieren in allen Farben und Schriftarten um die Welt.
Eines Tages aber, er hatte es sich auf einer Ansichtskarte gemütlich gemacht, die auf dem Weg von Prag nach Wuppertal war, landete er auf dem Schreibtisch eines pensionierten Richters. Als der Paragraphenstummel erkannte, dass der Adressat ein Mann vom Fach war, der ihn ohne weiteres als einen entflohenen, wenn auch halbierten Paragraphen, hätte entlarven können, stellte er sich schnell auf den Kopf und wurde so zu einem kleinen g. Da im Text aber nirgendwo ein g fehlte, setzte er sich so unauffällig wie möglich hinter das Wort Prag.
»Hallo Papa. Hier in Pragg ist es sehr schön«, las der Richter, und fühlte sich von seiner Tochter, welche die Karte geschrieben hatte, persönlich beleidigt. Wo war sie nur wieder mit ihren Gedanken gewesen, fragte er sich. Der Pensionär, dem oft sehr langweilig war, hatte eine fürchterliche Abneigung gegen Rechtschreibfehler, gegen Fehler aller Art.
»So geht das nicht!«, schimpfte er und begann in einer seiner Schreibtischschubladen zu kramen. »Jeder Rechtsbruch erfordert eine ordentliche Ahndung«, proklamierte er einem unsichtbaren Publikum.
Er holte ein Flächchen Tipp-Ex aus der Schublade hervor, um unverzüglich mit der Korrektur zu beginnen. Der Paragraphenstummel zitterte vor Angst, als der Pinsel mit der stinkenden weißen Paste näher kam. Er zitterte so sehr, dass die Ansichtskarte sogar anfing zu vibrieren.
»Halt!«, schrie er in letzter Sekunde. »Bitte tun sie mir nichts!«
Der Richter hielt verdutzt inne. »Wer da?«, fragte er laut und sah sich im Raum um.
Der kleine Paragraphenstummel nutzte die Gelegenheit, löste sich von der Ansichtskarte, und flüchtete in einen Stapel pensionierter richterlicher Korrespondenz. Als der Richter sich erneut der Korrektur zuwenden wollte, war der Rechtschreibfehler verschwunden. Der Korrektor aber befürchtete einen Fehler in seiner eigenen Wahrnehmung, und verfiel daraufhin für den restlichen Tag ins Grübeln darüber, wie dies zu korrigieren sei. Er kam zu keiner Lösung, empfahl sich aber selbst, in Zukunft mit seinen Fehlern und den Fehlern anderer etwas nachsichtiger umzugehen.
Noch am selben Tag ließ der Paragraphenstummel sich von der Haushaltshilfe des Richters zwischen ein paar Briefen zur Postfiliale tragen. Dort landete er in einem großen Postsack. Aus Angst davor, wieder bei einem Fachmann fürs Paragraphische zu landen, kletterte er, als es Nacht geworden war, aus dem Sack heraus und schnurstracks auf ein Regal, in welchem eine Menge Pakete verstaut waren. Dort dachte er wieder über sich und sein Leben nach. Es war zwar gut, dass er dem repressiven und hässlichen Gesetzt entflohen war, sinnierte er, aber einen Sinn für sein Leben hatte er trotzdem noch nicht gefunden. Was konnte ein abgebrochener Paragraph schon tun, außer unangenehm aufzufallen?
Es vergingen drei Tage und Nächte.
Am vierten Tag wurde das Paket, auf dessen Paketschnur der Paragraphenstummel aus Langeweile gerade ein bisschen turnte, von einer Lehrerin mit freundlicher Mine abgeholt. Da der Paragraphenstummel noch immer nicht zu der Antwort gelangt war, wie er seinem Leben nun einen Sinn geben könnte, begleitete er die Lehrerin - unter dem Knoten der Paketschnur versteckt – nachhause. Wieder landete er in seinem natürlichen Habitat – auf einem Schreibtisch. Die Lehrerin stellte das Paket darauf ab und verließ den Raum. Sogleich kletterte der Paragraphenstummel vom Paket herunter, um ein wenig herumzustöbern. Am Rand des Schreibtisches lagen eine Menge Schulhefte auf einem Stapel. Gleich daneben war eines aufgeschlagen und zeigte einen Aufsatz in kindlicher Schreibschrift. Manche Worte und Buchstaben waren rot unterstrichen. Am Rand hatte die Lehrerin jeweils eine Notiz dazu hinterlassen. Das müssen aber ganz besondere Worte und Buchstaben sein, dachte der kleine Paragraphenstummel. Es schien, als könnte er hier etwas Bedeutsames tun. Er tapste auf die rechte, noch unmarkierte Seite des Heftes und sah sich um. Da waren eine Menge schöner Buchstaben und Satzzeichen! Dass sie in Schreibschrift geschrieben waren, gefiel ihm ganz besonders. Alles bekam so mehr Schwung, befand er. Am besten gefiel ihm ein Fragezeichen, das am Ende des folgenden Satzes stand:
»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«
Sofort ging der Paragraphenstummel zu dieser Stelle und schmiegte sich an das herrlich geschwungene Fragezeichen. Nach einer Weile döste er ein.
Einige Zeit später, es war schon dunkel, kam die Lehrerin herein, räumte das Paket zur Seite, und setzte sich an den Schreibtisch. Sie zückte den Rotstift und begann zu lesen. Der kleine Paragraphenstummel wachte auf und sah ihr dabei zu. Konzentriert und gewissenhaft studierte sie den Text, unterstrich hier und da ein Wort und machte die zugehörige Notiz am Rand. Ihre Augen bewegten sich gleichmäßig über das Papier, bis sie am Ende des besagten Satzes angekommen waren, wo der Paragraphenstummel, der sich noch immer ans Fragezeichen kuschelte, ihren Blick erwiderte. Zwischen den Augen der Lehrerin erschien eine dicke Furche.
»Was soll das denn sein?«, fragte sie leise. »Kreativität in einem Diktat?«
Der Paragraphenstummel wusste natürlich, dass er gemeinsam mit dem Fragezeichen ein Herz geformt hatte. Kein perfektes Herz, aber ein unverkennbares. Stolz wartete er darauf unterstrichen zu werden, vielleicht sogar eingekringelt, und schloss die Augen, ob seiner bevorstehenden Ehrung. Da spürte er einen gleißenden Schmerz, der ihn von unten rechts nach oben links durchfuhr!
»Aua!«, brüllte der Paragraphenstummel. »Warum hast du das getan?«
Die Lehrerin fuhr erschrocken hoch und schaute sich im Raum um. Der Paragraphenstummel betrachtete den roten Striemen, der ihn diagonal durchzog und brannte wie Feuer. »Ich wollte doch nur etwas Schönes tun!«, schimpfte er wütend und fuchtelte wild mit seinem verbliebenen oberen Schwung in der Luft herum. Als die Lehrerin ihn erblickte, schrie sie schrill auf und ließ ihre Hand auf ihn herabsausen.
»Hilfe!«, schrie der Paragraphenstummel, und machte einen Satz zur Seite. Da kam die Hand ein zweites und ein drittes Mal niedergesaust. Patsch! Patsch! Der Paragraphenstummel rannte um sein Leben, machte große Sätze über Sätze, trippelte über Buchstaben, verhakte sich mit seinem kleinen Bauch in einem ungeschickt geschriebenen f, löste sich, benutzte ein großes T als Sprungbrett und flog purzelnd durch die Luft über die Schreibtischkante hinweg in einen Papierkorb. Er landete auf einer zerknüllten Rechtsbehelfsbelehrung, auf welcher sich eine Menge anderer Paragraphen tummelten. Schnell krabbelte er zu dem nächst gelegenen und legte sich deckungsgleich darüber. Die Lehrerin schüttete den Papierkorb aus und suchte noch eine Weile nach ihm, aber seine Tarnung als das, was er nicht mehr sein wollte, rettete ihm das Leben.
Erst als die Lehrerin endlich zu Bett gegangen war, traute er sich wieder sich zu bewegen.
»Was habe ich nur falsch gemacht?«, fragte er sich laut und verzweifelt.
»Du versuchst etwas zu sein, was du nicht bist«, hörte er eine Stimme hinter sich und fuhr erschrocken herum. Der andere Paragraph, auf dem er sich versteckt hatte, schaute ihn empört an.
»Hallo«, sagte der Paragraphenstummel.
Der andere schnaubte nur verächtlich. »Du denkst wohl, du bist etwas Besseres«, sagte er herausfordernd.
»Ach nein!«, antwortete der kleine Paragraphenstummel kleinlaut. »Ich will nur etwas Gutes tun, das Menschen glücklich macht.«
»Das tun wir doch!«, riefen jetzt alle Paragraphen im Chor. »Wir zeigen den Menschen ihre Rechte und Pflichten auf! Ordnung ist das halbe Leben!«
Die vielen synchronen Stimmen waren dem kleinen Paragraphenstummel unheimlich.
»Aber ich habe mich vom Papier gelöst«, sagte er. »Und ein Teil von mir ist dort geblieben! Und jetzt bin ich etwas anderes, aber ich weiß nicht was!«
Er setzte sich schluchzend auf den Rand des Papierkorbs. Der Paragraph, auf dem er sich versteckt hatte, bekam Mitleid mit ihm, was bei einem Paragraphen nur äußerst selten vorkommen soll.
»Jetzt wein doch nicht«, sagte er. Aber der kleine Paragraphenstummel war so verzweifelt, dass er noch mehr zu schluchzen begann. »Hör mal«, sagte der andere, »versuch es doch mal in einer Bibliothek. Dort sammeln die Menschen ihr ganzes Wissen. Vielleicht findest du da heraus, wie du die Menschen glücklich machen kannst.«
Der Paragraphenstummel horchte auf. Er wischte sich die Tränen mit einem Q-Tip ab. Es klang nach einer guten Idee.
»Meinst du?«, fragte er unsicher.
»Einen Versuch ist es wert«, sagte der andere. »Wenn du dich schon vom Papier gelöst hast, kann es ja nicht schaden.«
»Dann kann es ja nicht schaden!«, riefen alle Paragraphen im Chor.

So begab sich der kleine Paragraphenstummel erneut als Tippfehler auf Reisen, kam aber nie in die Nähe einer Bibliothek. Er reiste auf Postkarten und Liebesbriefen von einem Ort zum anderen. Von Rechnungen, Juristischem und Offiziellem blieb er fern.
Eines Tages schlüpfte er in ein Couvert, in welchem ein äußerst gefühlvoller Liebesbrief steckte, der in Blindenschrift verfasst war. Die Buchstaben und Zeichen sprachen körperbetont und waren von beeindruckender Ästhetik. Wieder einmal hatte es ihm ein Fragezeichen besonders angetan. Es bestand aus zwei diagonal angeordneten Punkten und hob sich stolz vom Papier ab. Das Blindenschriftfragezeichen war glücklich mit seinem Dasein, denn, so erklärte es, man könne im Allgemeinen vielen Menschen helfen, und im Speziellen, was seinen derzeitigen Kontext anbelange, als Teil eines Liebesbriefes, das schönste Gefühl vermitteln, welches die Menschen in sich trügen. Die beiden unterhielten sich lange miteinander, denn der Brief war auf dem Weg um die halbe Welt. Als der Paragraphenstummel dem Fragezeichen erklärte, dass er auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn seines Lebens eine Bibliothek finden musste, um in ihr vielleicht die Antwort auf seine Fragen zu finden, erzählte ihm das Fragezeichen, dass gleich neben dem Haus ihres Adressaten eine wunderschöne Bibliothek beheimatet sei. Das Fragezeichen wüsste dies genau, denn die Absenderin und der Adressat pflegten regelmäßigen Schriftverkehr, weshalb es, das Fragezeichen, sich in der Gegend auskenne. Der kleine Paragraphenstummel, der die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, freute sich so sehr, dass er den einen Punkt des Fragezeichens mit seinem Ringbauch umarmte, den anderen Punkt mit seinem oberen Schwung. So schliefen sie ein, und der Paragraphenstummel träumte von einer Zukunft als etwas Besonderes.
Der Ort, an den er Tage später gelangte war warm und sonnig und es ging allgemein recht beschaulich zu. Man verabschiedete sich herzlich, und das Fragezeichen wünschte ihm Glück. Wie versprochen, lag neben dem Haus des Adressaten eine herrliche Bibliothek. Der Paragraphenstummel, der in der Zwischenzeit ein ganzes Stück an sich gewachsen war, ließ sich dort nieder und verbrachte viel Zeit zwischen den duftenden Seiten alter und kluger Bücher, bis er eines Tages in eine unscheinbar zwischen Homer und Heliodoros gerutschte Ouvertüre kletterte. Niemand weiß, um welches Stück es sich wohl gehandelt haben mag, aber als der Paragraphenstummel nach drei Tagen und Nächten endlich wieder zum Vorschein kam, war er ganz benommen vor Freude und lief so aufgeregt auf Homers Odyssee hin und her, dass eine Menge Staub aufgewirbelt wurde. Dann sprang er vom Regal und machte sich im Nu auf den Weg zu einem Schriftsetzer.
Es wurden Abdrücke genommen und Sonderzeichen aus Schubladen gekramt, Probedrucke getätigt und wieder verworfen, Schriftarten probiert und abgeändert. Doch nach einigem Hin und Her war es getan.
Als der Paragraphenstummel schließlich vor das Haus des Schriftsetzers in klares, durch einen Kirschbaum plätscherndes Sonnenlicht trat, hatte er sich in einen wunderschönen großen Notenschlüssel verwandelt. Er strahlte über die gesamte Partitur. Endlich hatte er seinen Sinn gefunden.
Bald fand er eine Anstellung in Dur, machte von nun an viele Menschen glücklich, half über manchen Kummer hinweg und genoss die Gesellschaft derer, die wie er, die Kleinkarierten hinter sich gelassen hatten.



Mittwoch, 5. Februar 2014
Rap
Ich bin Schriftsteller Schriftsetzer
Bittsteller Raptexter
Immer letzter Trendsetzer
Im Ex-Sein Weltbester
Immer da und nimmer da
Seit Jahren gesetzter
Rapmaster und Flexer
Raps Vater und Ketzer
Gangster mit Buttermesser
Deine Mutter rappt besser
Ich bleib trotzdem King Getto
Weil intelligenter und kesser

Von der Wiege bis ins Grab
An jedem auch am siebten Tag
Geht die Scheiße ein und aus
Die ich auf meinen Schultern trag
Ich formulier sie aus - Polier sie auf
Eins zwei Bier drauf - Schreib sie auf
Auf Papier, das ich nie kauf
MCs stehn drauf
MCs abzumetzeln
Doch mein Stil basiert auf
Präziseren Gesetzten
Obduzieren und schätzen
Sezieren von schlechten Texten
Amputieren von Sätzen
und schlecht gerappten Abzessen

Operation gelungen - Ein Texter tot
Min Flow durchgedrungen
Quasi Flowendoskop
Grob analog
Bohr ich Scheiße in dich rein
Die so fett ist dass du denkst dass das das fetteste Brett ist Das du je
bekommen hast
Und das auch noch umsonst.
Jetzt wirst du weggebummst
Von mir und meinen Jungs.


Wort!



Wieder ein Tag
Warum auch nicht?



Mittwoch, 29. Januar 2014
Sodom und Gomera
Als mir am 7. Januar ein alter Zigeuner (er bezeichnete sich selbst so, was mir einen politisch korrekten Shitstorm ersparen sollte) namens Melchiades, einen Riesenmagneten, welchen er an einer Kette hinter sich herzog, veräußern wollte, mit dem ich, wie der Alte behauptete, in Prenzlauer Berg Gold und andere Edelmetalle aus den Häusern reicher Menschen ziehen könnte, ich aber dankend ablehnte, katapultierte mich ebendieser alte Zigeuner in ein abstraktes Paralleluniversum voller absonderlicher Absonderlichkeiten.
Ich konnte ein Foto schießen.


Absonderlich.


Natürlich nutzte ich trotz meiner von Angst und Erstaunen gedämpften Neugier die Gelegenheit zur Forschung. Schon nach kurzer Zeit forschte ich forscher als mancher Forscher vor mir forschte. Ich entdeckte: Abstraktes, Skurriles, Obskures, Suspektes, Kryptisches, Groteskes, Aberwitziges und auch Hammerhartes!


Abstrakt und mindestens skurril.


Obskur, suspekt und reichlich kryptisch.


Grotesk und - bei genauerem Hinsehen - aberwitzig!


Zweifellos: Hammerhart.

Nach dreiwöchiger Odyssee fühlte ich mich wie Odysseus. Ithaka fand ich nicht. But Nevermind!
Der alte Zigeuner erschien schließlich in der Form eines kleinen Mädchens. Er sagte, alles sei ein fürchterliches Missverständnis gewesen, und brachte mich unversehrt zurück ins zwischenzeitlich stark erkaltete Berlin.


Der alte Zigeuner in der Form eines kleinen Mädchens.


Außerdem möchte ich an dieser Stelle auf eine Band hinweisen. Sie lag eines Morgens auf einer Bank. Ihr Name: „Ja, Panik“

http://ja-panik.com/



Montag, 30. Dezember 2013
Da kommen die alle aus sich raus bei dem schönen Wetter
10.52 Uhr

Beim Spaziergang spontan, aber intensiv über menschliche Befindlichkeiten nachdenkend, treffe ich Harry „Gettoschreck“ Kobov vorm Kiosk an der Ecke.
Die meisten Leute im Viertel haben Angst vor Harry. Geht mir nicht so. Er hat lediglich eine schlechte Kindheit genossen. Deswegen auch das Tränentattoo. Mehr nicht.

Harry (über die Straße schreiend): Mensch Keule! Alles
klar? Komm her!
Daniel: Ok. Hallo Harry.
Harry: Wo machst’n rum?
Daniel: Na hier so. Spazieren.
Harry: Spazieren? Haha, du bist mir ein Komiker!
Daniel: Ja. Was machst du so?
Harry (umarmend): Na was schon? Bier petzen und Lotto!
Daniel (fast im Schwitzkasten): Und, schon was gewonnen?
Harry: Nee. Aber letztes Jahr im Freigang, da bin zum Goldesel Wettbüro: Pferdewetten. Vierhundert Euro kassiert, mein Lieber. Die Wichser!
Daniel: Welche Wichser?
Harry: Die vom Goldesel! Wollten erst nicht bezahlen. Gab’s gleich auf die Fresse, und gut war’s.
Daniel: Ach so. Für im Freigang aber nicht schlecht. Was haste gemacht?
Harry: In’n Puff! Zwei Stunden, dann wieder ab nach Tegel. Haha!
Daniel: Das Glück muss man erst mal haben im Freigang.
Harry: Worauf du einen lassen kannst!
Daniel: So. Muss jetzt mal weiter.
Harry: Wieso?
Daniel: Hab noch was zu erledigen.
Harry: Kein Bier?
Daniel: Nee Harry, hab noch nicht gefrühstückt.
Harry: Noch nicht gefrühstückt! Du bist mir ne Flitzpiepe! Naja, dann zisch mal ab!
Daniel: Ja Harry. Bis demnächst.

Auch wenn die Stimmung und mein Leben immer ein bisschen auf der Kippe stehen: Ich treffe Harry gerne. Erinnert mich an früher.



Bei Harry (nicht im Bild) ist schon mal mit Gegenwind zu rechnen.



11.27 Uhr

Frühstück am Velodrom: Berliner Knacker mit Senf.
Eine Frau kommt vorbei und mir bekannt vor. Sie lächelt mich an.
Daniel: Wir kennen uns.
Frau: Ja, vom +*#-\´“%Action
Hab kein Wort verstanden. Irgendwas mit Action? Bin aber zu faul, um nachzuhaken. Außerdem scheint die Sonne so schön.
Daniel (in den Knacker beißend): Mhm.
Die Frau geht komisch weiter.


Die Frau ist auf diesem Bild nicht zu sehen.



12.05 Uhr – 12.34 Uhr

Beim Gang nach Hause führt mich eine groteske Assoziationskette nach Pisa. Wie auf Knopfdruck fällt mir dabei dieses Haus auf: Es steht ebenso schief herum, wie der in Pisa befindliche, allseits bekannte Turm.


Schief.



15.10 Uhr

Auf einem kleinen Umweg checke ich noch Harrys letzte Freigangs-Aktivität. Ernüchternd.

Goldesel
"Gab's gleich was auf die Fresse, und gut war's."






23.45 Uhr

Weil ich aus Angst um das schiefe Haus (Umfallgefahr) nicht schlafen kann, gehe ich noch einmal nach dem Rechten sehen. Zum Glück war meine Sorge völlig unberechtigt!
Das Haus steht noch immer, und überrascht mit einer weiteren Sensation!
Hier wird Weihnachtsbeleuchtung noch ernst genommen.



Weihnachtsbeleuchtung ernst genommen.



Samstag, 28. Dezember 2013
Zwischen den Jahren
Eine kalte, kleine Sonne taucht die Stadt in unwirkliches Licht. Wie auf einem weit entfernten Planeten. Zum Beispiel Neptun. Die Erde ist zwischen die Jahre gerutscht; depressiv klemmt sie fest, hat sich in der Stille verschachtelt.
Ein Hund hat sich selbst auf die Mauer gemalt. So versteckt er sich geschickt vor den zwischen den Jahren herumgeisternden Endzeitimpressionen.


Zwischen die Jahre gerutscht: Die Erde als Neptun



Zwischen den Jahren brodelt es kühl. Da steht alles noch aus, da hält sich alles im Singular Konjunktiv Plusquamperfekt Passiv wie nasse Wäsche auf der Leine.
Zeit für Spekulationen: Ist dieser Vulkan noch aktiv?






Es zieht sich, das Zwischen den Jahren, wie auf Schienen dahin. Wo das alles hinführt, kann mit Bestimmtheit noch nicht gesagt werden. Nach vorne? Nach hinten? Im Kreis? Ins Ableben?


Auf Schienen ins Ableben? Oder doch nur die Ringbahn?



Allem Pessimismus zum Trotz haben amerikanische Wissenschaftler ein Licht am Ende von „Zwischen den Jahren“ entdeckt. Zwar verstreiche die Zeit im Endzeitspektrum „Zwischen den Jahren“ langsamer als bisher vermutet, wie mir ein weitsichtiger Herr auf Nachfrage beim MIT (Massachusetts Institute of Technology) unlängst erklärte, um eine Schleife (Ringbahn-Theorie) handele es sich hierbei jedoch nicht. Vielmehr spreche man bei diesem Phänomen von einem Tunneleffekt. Eine Information komme dabei am Ende eines Tunnels heraus, noch bevor sie am Anfang hineingeschickt wurde. Faszinierend!


Licht am Ende des Tunnels. Faszinierend!